England, 19. Jahrhundert. Der Maler George Bernard O’Neill feilt an seinem Gemälde The Auction: Feine Herrschaften sitzen da im gedämpften Licht, einer hebt einen Weinkrug. In der Ecke lehnen schwindelerregend wertvolle Gemälde. Wenig später wird der Hammer auf den polierten Holzsockel fallen. Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten.

Alkoholkonsum ist bei Kunstauktionen mittlerweile untersagt, ansonsten veränderte sich am Ablauf klassischer Auktionen lange Zeit kaum etwas – bis vor einigen Jahren die ersten Kunden begannen, Kunst online zu ersteigern. Ein neuer Markt ist entstanden: Im vergangenen Jahr wurden auf digitalem Wege weltweit Kunstwerke im Wert von mehr als drei Milliarden Euro versteigert oder verkauft. Das sind rund acht Prozent des Gesamtmarktes.

Im Vergleich zur Musik, die zur Hälfte digital verkauft wird, ist das zwar wenig. Mit Blick auf den stagnierenden globalen Kunstmarkt aber gleicht es einem Boom: Im Jahr 2016 wuchs das Digitalgeschäft um 15 Prozent. Beim Kunstauktionskonzern Sotheby’s stiegen die Digitaleinnahmen sogar um 19 Prozent – während die Einnahmen aus klassischen Auktionen deutlich schrumpften. Insgesamt versteigerten die größten traditionellen Auktionshäuser Sotheby’s, Christie’s und Heritage Auctions im vergangenen Jahr bei ihren Online-Auktionen Kunst im Wert von rund 618 Millionen Euro. Doch nicht nur große Auktionshäuser, auch Privatpersonen und Galerien versteigern Kunst online – und brauchen dafür die passende Software. Die Berliner Firma AuctionTech, hervorgegangen aus dem Start-up Auctionata, bietet dafür eine Livestream-Technologie an: Versteigerungen werden gefilmt und zeitgleich ins Netz gestellt.

Mitbieten kann man vom Sofa aus. In Jogginghose, per Klick statt mit Bieterkarte. Anfassen, riechen, drehen und wenden, all das geht bei einer Online-Auktion nicht. Deshalb werden aufwendige Videos gedreht, um den Käufern ein Kunstwerk nahezubringen. Kuratoren und Experten erzählen darin die Geschichte des Werks, und dank hochauflösender Kameras können die Sammler so nah an die Kunstwerke heranzoomen, dass sie selbst den feinsten Pinselstrich und die zarteste Maserung erkennen können. Kunst werde so für die Kunden "ganz anders erlebbar", behauptet der Geschäftsführer von AuctionTech, Jan Thiel. "Bei herkömmlichen Saal-Auktionen werden Sammlerstücke oft nur sehr schlecht präsentiert. Der, der in der 20. Reihe sitzt, kann nichts mehr erkennen."

Thiel glaubt, dass die Digitalisierung klassische Auktionen verdrängen könnte. Andere sind da zurückhaltender. Philipp Herzog von Württemberg, Deutschlandchef von Sotheby’s, begrüßt das Digitale als zusätzlichen Service, mit dem neue Bieterschichten erreicht werden können – aber eben nur zusätzlich. Auch Kilian Jay von Seldeneck, einer der Leiter des Auktionshauses Lempertz und Vizepräsident des Bundesverbands deutscher Kunstversteigerer, ist davon überzeugt, dass klassische Versteigerungen nicht ersetzbar sind: Vor allem jene Kunden würden daran festhalten, denen es auch um die Atmosphäre geht. Die nicht nur Kunst sehen, sondern auch selbst gesehen werden wollen und das Unmittelbare des Moments genießen.

Online-Auktionen verändern den Kunstbetrieb gleichwohl. Einerseits finden unerfahrene und weniger zahlungskräftige Kunstliebhaber einen neuen Weg zum Markt. Andererseits öffnet die Technik diesen Markt auch für weniger bekannte Künstler, die es bis dato nicht in die Auktionen schafften. Bei herkömmlichen Auktionen werden nur Kunstwerke versteigert, die mindestens einmal den Besitzer gewechselt haben. Diese erste Hürde können Künstler nun mithilfe von Plattformen wie "Start your Art" überwinden. Das ist ein Online-Auktionshaus für Kunsthochschulabsolventen und talentierte Autodidakten.

Nicht mehr als 50 Künstler werden dort zu einem Zeitpunkt vorgestellt, um Übersichtlichkeit, Qualität und eine gute Betreuung zu gewährleisten. Die Anfangsgebote für die meisten Kunstwerke, die bei Start your Art angeboten werden, betragen nur einige Hundert Euro. Für Künstler kann dies die Eintrittskarte in eine bessere Zukunft sein: Mitte 2015 ersteigerte ein chinesischer Auctionata-Kunde über sein Handy eine kunstvolle Spieluhr. Sein Höchstgebot: 3,37 Millionen Euro.