Scheibchenweise. Der grüne Renegat Peter Pilz startet mit ausgefeilter Salamitaktik sein Unternehmen Hohes Haus. Am Dienstag präsentierte der Listen-Gründer vier Mitstreiter, mit denen er gemeinsam im Oktober bei den Nationalratswahlen antreten wird – die ersten von voraussichtlich 25 Kandidaten, mit denen er den Einzug in das Parlament zu schaffen glaubt. Ein "zweistelliges Ergebnis" hält er für möglich. Besonderen Wert scheint Pilz darauf zu legen, "keine neue Partei" ins Leben gerufen zu haben. Daher wird es natürlich kein Parteiprogramm geben und logischerweise auch keinen Klubzwang, sollte der Wahlverein im parlamentarischen Ausweichquartier vertreten sein. Seine Liste, sagt Pilz, sei so etwas Ähnliches wie die Summe der einzelnen Standpunkte ihrer Protagonisten. Weder rechts noch links sei die politische Ausrichtung, sondern "radikal pragmatisch". Die verbindende Klammer lautet: "Ja, es geht" – was wohl Freund und Feind an den Kampfruf der Obama-Jünger erinnern soll. Das Geheimnis, wer noch aller zu der bunten Truppe der Neigungsgruppe Pilz gestoßen ist, soll in mehreren Etappen in den nächsten Wochen gelüftet werden. Damit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht erlahmt.

Dem ersten Auftritt des verstoßenen Stammvaters der Grünen wohnte viel Selbstbeschwörung inne. Das ist eine Königsdisziplin, die Peter Pilz in den vergangenen drei Jahrzehnten seiner Karriere perfektioniert hat. Häufig entfaltet Pilz eine politische Fata Morgana, die er wie eine gewichtige Gewissheit in den Raum zu stellen weiß. Zweifel an der eigenen Person dürften ihm fremd sein. Die Methode Pilz besteht vor allem darin, eine derart gewaltige Erwartungshaltung aufzutürmen, dass das Ergebnis bedeutungslos erscheint. Was bei einem Untersuchungsausschuss bestens funktioniert, stößt in einem Wahlkampf jedoch auf ein beträchtliches Hindernis: die Vierprozenthürde.

Für den Veteranen unzähliger parlamentarischer Scharmützel scheint es allerdings nun nur noch eine formale Frage zu sein, ob seine Liste in der nächsten Gesetzgebungsperiode kräftig mitmischen wird. Zumindest die Position der viertstärksten Kraft dürfte seinem Anspruch angemessen sein. Wobei Pilz raunt, es würden sich höchstwahrscheinlich neue Konstellationen, neue Allianzen ergeben. Alles sei möglich, "ja, es geht"!

Welche politische Agenda Pilz konkret verfolgt, lässt er bewusst vage im Nebel der Andeutungen verschwimmen, darin unterscheidet er sich nur marginal von den übrigen Mitbewerbern. Dass etwa ein nicht näher definierter "politischer Islam" keinen Platz im Land finden soll, ist kaum ein Alleinstellungsmerkmal. Seit ihn der grüne Bundeskongress vor einem Monat bei der Kandidatenwahl düpierte und ihm den vierten Platz auf der Bundesliste verweigerte, scheint Pilz vor allem davon beseelt zu sein, das, was von der Partei übrig geblieben ist, die er einst mitbegründet hatte, des politischen Dilettantismus zu überführen. Die Hälfte der Wähler hätten die Grünen in den vergangenen beiden Jahren verloren, übertreibt Pilz ein wenig die demoskopische Fieberkurve. Er habe ja Vorschläge zur Erneuerung der Partei unterbreitet, um die verlorenen Sympathisanten zurückzugewinnen – man habe ihn aber abblitzen lassen. Ergo: Neustart mit 63 Jahren.

Jetzt mache dieser Kandidat Lear eben sein eigenes Ding, er werde ja stündlich dazu ermutigt. Auf Schritt und Tritt werde er angesprochen, schwadroniert Pilz. Nichtwähler würden ihn bestürmen, anzutreten, damit sie endlich für jemanden stimmen könnten, dem sie vertrauten. Selbst lokale freiheitliche Funktionäre – aus niederösterreichischen Kleingemeinden, konkretisiert er – würden sich an ihn wenden und ihm versichern, demnächst in sein Lager überwechseln zu wollen. Er verstehe sich auch als Angebot an blaue Protestwähler, erläutert Pilz sein Ego-Projekt.

Die Liste Pilz entpuppt sich als Retourkutsche mit Tarnanstrich

Spätestens an diesem Punkt der Gebrauchsanleitung sind Zweifel angebracht, ob die Liste Pilz nicht doch bloß eine Retourkutsche mit Tarnanstrich ist. Das erste Unterstützer-Quartett, das Pilz vorstellte, dürfte nur wenig Strahlkraft auf ein freiheitliches Klientel ausüben.

Das gewichtigste Kaliber aus dieser Perspektive ist der Verbraucherschützer Peter Kolba, der sich ein Berufsleben lang als Chefjurist des Vereins für Konsumenteninformation mit globalen Autokonzernen, mit dreisten Drei-Buchstaben-Finanzfirmen, mit Banken und Fonds herumgeschlagen hat. Nun hat sich der 58-Jährige selbstständig gemacht und versucht mithilfe von Sammelklagen vor allem dem Volkswagen-Konzern das Leben schwer zu machen. Diese Dimension passt irgendwie zur Liste Pilz: das Aushängeschild gegen den größten Rüstungskonzern des Kontinents, der Mitkämpfer demnächst wahrscheinlich gegen die gesamte deutsche Auto AG. Dass sich Kolba, sensibilisiert durch ein eigenes Nervenleiden, im Windschatten von Peter Pilz für den liberalisierten Gebrauch von medizinischem Cannabis einsetzen will, passt allerdings nicht ganz zu der Allianz.