Das ist auch wieder typisch: In Deutschland ist es immer gleich das Schicksal, das an die Tür klopft, und nicht, sagen wir, der Pizzabote oder die Nachbarin, die sich etwas Backpulver leihen will.

Olaf Scholz kennt sich da aus, das sieht man, und das ist kein Wunder, schließlich ist er dieser Tage mit dem Schicksal eng verbunden. Der Bürgermeister steht in der Elbphilharmonie, erste Reihe, und klopft mit der Faust in die Luft. Neben ihm: Prinz William, daneben Herzogin Kate, um sie herum Hunderte Kinder, bunt wie Smarties wuseln sie durchs Konzerthaus. Das Orchester spielt: Ta-ta-ta-taaaaa. Beethovens Fünfte, die "Schicksalssymphonie". Die Konzertbesucher sind aufgerufen, die berühmten ersten Takte in die Luft zu klopfen, als wären sie selbst das Schicksal, das nachts gegen Beethovens Tür donnert. So soll sich der Komponist das einst vorgestellt haben.

Ta-ta-ta-taaaaa! Kate klopft elegant, als tupfe sie mit feingliedrigen Fingern einen Gedanken in den Raum.

Ta-ta-ta-taaaaa! William klopft so empört, als habe der Butler Falten in seine Uniform gebügelt.

Ta-ta-ta-taaaaa! Man möchte gerade nicht in dem Büro sitzen, gegen dessen Tür Scholz hämmert, wenn er endlich mal zum Schlag ausholen darf. Er scheint einiges loswerden zu müssen.

Aber hinterher kichert er in sich hinein. Dass seine Geste etwas albern wirkt, scheint ihm bewusst zu sein, aber auch: dass es den Menschen um ihn herum egal ist, ob der nette Onkel mit der Glatze albern wirkt. Sie haben sich ja selbst nicht im Griff, mogeln, stolpern, schätzen die Welt falsch ein, aber das ist in Ordnung, dafür gibt es ja die Großen, die das Chaos für sie wieder ausbügeln.

Der vergangene Freitag ist ein Tag der Versöhnung für Olaf Scholz, es wird vieles ausgebügelt, das zuletzt kraus geworden ist. So vieles ist wie am Freitag zwei Wochen zuvor, aber alles ist anders: Wieder ist der Bürgermeister in der Elbphilharmonie, wieder wird Beethoven gespielt – diesmal nicht die neunte Sinfonie, sondern die fünfte. Wieder sind Staatsgäste da – diesmal nicht die Chefs der G20, sondern Kate und William. Wieder rotten sich Menschen zusammen – diesmal schwenken sie aber keine Transparente und Bengalos, sondern Union-Jack-Fähnchen und Handys.

Der vergangene Freitag ist ein Tag, der die Ereignisse der letzten Wochen spiegelt, als würde er sie neu schreiben. So, wie sie in einer besseren Welt gelaufen wären: Der Bürgermeister hat hohen Besuch, er begegnet dem Schicksal und Menschenmassen mit ungewöhnlichen Kopfbedeckungen (Hüte statt Vermummungen), am Ende geht er demütig in die Knie, und alle sind begeistert. Dazu später.

Erst mal Auftritt Elphi.

Die Hamburger Symphoniker hatten das Kinderkonzert am ersten Tag der Sommerferien schon lange geplant. Dass Kate und William dazukommen, habe sich erst später ergeben, sagt der Sprecher des Orchesters, das Programm sei für Kinder gedacht, deren Eltern sich keinen Urlaub leisten könnten. Sie kommen aus Ohlsdorf, Billstedt, Harburg, Horn, zahlreiche ihrer erwachsenen Begleiterinnen tragen Kopftuch. Durch sie – und durch die betont hemdsärmelige Inszenierung des Events – wird aus dem elitären Konzerthaus ein Ort für lauten, ungezügelten Spaß an der Musik.

Es ist 13.45 Uhr, ein aufgedrehter Moderator im schlecht sitzenden grauen Anzug betritt die Bühne. Die Hose ist zu eng oder seine Beinmuskulatur zu offensichtlich, egal, das Outfit passt zu einem Mann, der seinen Job mit dem Elan des Losverkäufers auf dem Sommerdom macht.