Bislang war es nicht allzu schwer, sie zu erkennen. Pubertierende, das waren die mit der Gesichtshaut wie Streuselkuchen, dem astronomisch gesteigerten Bedarf an Chips und MezzoMix, den hysterischen Kicherflashs in der Bahn, den "Eltern raus!"-Schildern im Zimmer und überlebensgroßen Bravo-Starschnitten an der Wand.

Im Kino kann man die Klischees gerade noch einmal besichtigen: Als Elternpaar stehen Jan Josef Liefers und Heike Makatsch überfordert vor ihrer Tochter, fiese Wachstumshormone haben den niedlichen Nachwuchs mit dem unschuldigen Kindchenschema-Gesicht in ein schlecht gelauntes "Pubertier", ein antriebsloses Wesen mit bösem Teenie-Blick, verwandelt. Diskussionen um zu knappe Outfits, knallende Türen – so weit, so klassisch.

Doch die Lage ist komplizierter. Denn seit einiger Zeit verbreitet sich die Überzeugung, dass es längst nicht mehr nur diese eine, traditionelle Pubertät gibt, die grob mit dem zehnten Lebensjahr einsetzt und mit dem zwanzigsten langsam ihr Ende gefunden haben sollte. Sondern dass es eine zweite gibt. Und die ist noch unbeherrschbarer und noch heftiger.

Der Schriftsteller Martin Walser erzählt in der Bunten gar von seiner unaufhebbaren Pubertät, mit der er nicht immer positive Erfahrungen verbinde. Das Schöne daran, ein Kind im Manne zu sein, spüre er persönlich höchstens beim Schwimmen und Fußballgucken. "Noch einmal alles hinterfragen", so beschrieb die Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer, im hohen Alter von 87 Jahren, ihre zweite Pubertät. Und auch Psychologie Heute weiß, dass die zweite Pubertät das Leben der Betroffenen bisweilen "völlig aus den Angeln" hebe.

Das klingt nach einem unausweichlichen Naturphänomen; nach einem Wirbelsturm, der erwachsenes und sauber geordnetes Leben wieder heillos in Unordnung bringt. Keiner scheint genau zu wissen, wann dieser Wirbelsturm kommt – und wie lange er wütet. Ultimativ spiegelt sich die Verwirrung in den Suchmaschinen wider. Hier wird "zweite Pubertät" durch die häufigsten Einträge "mit 25", "mit 20", "mit 30", "mit 23", "mit 40" ergänzt. Anscheinend haben Menschen nahezu jeder Altersstufe zwischen Abitur und Rente heute Anzeichen einer erneuten Pubertät und suchen bei Google nach Hilfe. Wie bei der ersten Pubertät, die eigentlich Geschlechtsreife bedeutet, ist der Ausnahmezustand zunächst ein körperlicher. "Es fangen an, Haare dort zu wachsen, wo du zuvor keine hattest. Nämlich in deiner Nase, deinen Ohren und auf deinem Rücken", bereiten YouTube-Videos konkret auf die Umwälzungen vor. Ab 30 müsse man jederzeit mit dem fatalen Schub rechnen. Häufig wird die zweite Pubertät allerdings auch mit den Wechseljahren oder der Midlife-Crisis gleichgesetzt, der Zeit, in der es kritisch wird: irgendwann zwischen 40 und 50. Wieder andere legen sich auf Mitte 20 fest.

Wenn niemand weiß, wann genau dieser Wandel stattfindet, und es für die großen hormonellen Umbrüche im Leben bereits feststehende Begriffe gibt, warum braucht es dann die "zweite Pubertät"?

Anklagend, als Fremdzuschreibung ist die Pubertät schlichtweg praktisch. Als pubertär wird bezeichnet, was nicht den sozialen Erwartungen entspricht. Waren nicht jene, die am G20-Wochenende mitrandalierten, in ihrem Verhalten "pubertär"? Genau wie jene Männer, die ihre Familien für eine Jüngere verlassen oder die sich plötzlich ein funkelndes Motorrad kaufen? Hier wird ein Phänomen biologisiert – als seien nicht soziale und zwischenmenschliche Konflikte ausschlaggebend, sondern ausschließlich hormonelle.

Auch als Selbstbeschreibung funktioniert der Begriff bestens, vornehmlich für Schriftsteller und Künstler. Wer für sich eine zweite Pubertät reklamiert, der kann sich mal eine Auszeit vom Erwachsensein nehmen und sich ein paar anarchische Gefühlsausschläge leisten.

Dort, wo jederzeit alle noch, schon oder schon wieder in die Pubertät geraten, herrscht offenbar die Illusion eines ewig ausgeglichenen Erwachsenenzustandes. Und wer von ihm abweicht, ist eben pubertär. Als seien Selbstzweifel, Pathos und Orientierungslosigkeit die unverhoffte Ausnahme im Leben – und nicht die Regel.