Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

Eine luxuriöse Lage, doch die Jachten bleiben den ganzen Sommer im Hafen, eine Art Wohnwagenkolonie liegt da eng geparkt am Steg. Man könnte mehr daraus machen, könnte jederzeit bis an die Ostsee und weiter, bis nach Skandinavien fahren. Mit der Option gibt man sich zufrieden. Bis in die späte Nacht hocken sie im Bierzelt unter meinem Fenster, trinken und johlen, allmorgendlich kriechen sie aus ihren Kajüten und gehen Brötchen holen. Die sommerlang angeleinten Jachten scheinen mir Symbole einer Freiheit zu sein, mit der man wenig anzufangen weiß. Die man aber griffbereit haben will.

Abends kurve ich mit dem Rad durch den Neuen Garten, springe in den Heiligen See und tauche erfrischt im Holländerviertel auf, im Gesumm der hundert Gartentische vor all den feinen Restaurants, die Potsdam seinen Gästen und Bewohnern um das Nauener Tor herum zu bieten hat. Stehe inmitten eines Bienenstocks geschäftiger Freizeitkultur und kann mich nicht entschließen, da einzutauchen und mich hier niederzulassen. Wenn da eine Band wäre, die etwas taugt, oder ein Pianist immerhin. Wenn ein gutes Gespräch verheißen würde an einem dieser Tische. Aber ich hab schon zu lang hingeschaut, da ist niemand, auf den ich neugierig wäre, es wird wohl die übliche Partymeute sein, in den Gesprächen geht es um den letzten und den kommenden Urlaub. Ohne mich.

Freizeitkultur gibt es andernorts. Nein, sie debattieren nicht um Gott und die Welt, sie spielen auch nicht Schach, Domino oder Boule, sie musizieren und tanzen und lesen nicht, sind auch keine sehenswerten Selbstdarsteller, noch nicht einmal das kleine Fach von Straßentheater wird hier geboten. Nein, sie zeigen sich nicht, sie schummeln sich auf ihre Plätze und sind froh, im Gewühl zu verschwinden. Sie wollen auch in der Freizeit alles richtig machen. Wie man zu Geld kommt, wissen sie, wie man es ausgibt, lernen sie noch. Sie gehören zur Einkommenselite, ein nobler Haufen, der es fertigbringt, allabendlich hier zu hocken und sich zu langweilen.

Gerade hier, in der preußischen Sommerresidenz, gäbe es überall die Spuren eines weiseren Umgangs mit Freiheit zu besichtigen. In der jeweils besseren Gesellschaft galt ein Vermögen auch als Chance, sich dem Menschenmöglichen zu nähern. Idealerweise. Wer Freiheit missdeutet als Freizeit, dem stellt sich allerdings die Frage: Wohin mit all der Zeit? Freiheit wozu, wenn nicht, dass wir Menschen werden? Ich radle weiter. Bin ich bloß neidisch? Könnte sein. Die Glocken von St. Peter und Paul erinnern mich daran, dass auch ich etwas Besseres machen könnte aus meiner gefühlten Unterlegenheit, etwas Besseres als Neid und Häme.