Oft kommen die Eltern zu mir und erzählen mir von ihren Sorgen um die Kinder. Natürlich gibt es auch positive Beispiele. Manche Kinder gehen auf tolle Schulen, absolvieren anspruchsvolle Wirtschaftsstudiengänge im Ausland, aber dann kommen einigen Eltern doch Zweifel, ob sie mit ihrer Persönlichkeit dazu geeignet sind, die Nachfolge im Unternehmen anzutreten. Auf vielen Kindern lastet ein enormer Erfolgsdruck – weil sie selbst sehr ehrgeizig sind oder weil die Eltern das von ihnen erwarten. Wenn es um ihre Rolle in der Familie geht, sind viele Erben sehr sensibel. Sie wissen nicht, wie sie sich neben ihren Eltern und Großeltern definieren sollen. Deshalb machen nicht wenige etwas ganz anderes, werden Künstler oder handeln mit Antiquitäten. Denn sie wissen: Sie können niemals das erreichen, was ihre Großeltern und Eltern aufgebaut haben. Manche werden in Positionen gedrängt, die nicht zu ihnen passen. Andere versuchen, sich krampfhaft zu beweisen: Mit etwas Spielgeld von den Eltern beteiligen sie sich an Start-ups oder gründen selbst ein Unternehmen, teilweise auch sehr erfolgreich. Wieder andere sagen: Wieso soll ich überhaupt arbeiten? Sie fliegen nach New York, machen Party oder spielen Golf. Es sind nicht alle Familien unglücklich. Aber es ist ein ganz großes Glück, wenn man das Vermögen in die nächste Generation bekommt, ohne dass es zu irgendwelchen Verletzungen oder Dramen führt. Wenn die Eltern sagen können: Mensch, mit den Kindern kannst du abends noch ein Bier trinken, ohne dass irgendwelche Spannungen in der Luft liegen.

Wie jemand mit dem Geld umgeht, das er besitzt, hängt von seiner Persönlichkeit ab. Ob jemand sparsam ist oder großzügig, lässt sich nicht verallgemeinern. Doch es macht einen Unterschied, ob man sein Geld selbst erarbeitet hat oder schon reich zur Welt kommt. Werden Kinder in eine Parallelwelt hineingeboren, die mit dem Leben all der anderen Kinder wenig zu tun hat, verändert das ihren Bezug zu Geld und ihre Beziehung zu den normalen Bürgern.

Unternehmer wird man in der Regel mit einer guten Idee – erfolgreich allerdings erst durch Fleiß, Mut und dadurch, dass man für die Idee kämpft. Wer ein Vermögen von ganz unten aufgebaut hat, erinnert sich noch daran wie sein Leben ohne das Geld aussah. Welches Risiko er eingehen musste, was er opfern musste. Die Kinder der Unternehmensgründer haben diese Unsicherheit teilweise noch miterlebt. Viele wurden im Geiste der Eltern erzogen und halfen, das Unternehmen mit aufzubauen. Doch spätestens in der dritten Generation ist der Reichtum "normal", ebenso sind es die Privilegien, die mit ihm einhergehen. Die Erbengeneration lebt also nicht nur in einer anderen Welt als ihre Altersgenossen. Sie lebt auch in einer anderen Welt als ihre Vorfahren.

In jeder Gesellschaft gibt es unterschiedliche Realitäten, auch die Meinungen unterscheiden sich. Doch wie die Reichen die Welt sehen, ist besonders relevant. Sie haben mehr Macht als andere.

Viele der befragten Dienstleister betonen, dass sich die Vermögenden sehr für die Gesellschaft engagieren. Der Butler erzählt: "Auf Partys und Empfängen werden auch Politiker eingeladen, amtierende und ehemalige Ministerpräsidenten." Der Anwalt sagt: "Viele Familienunternehmer sagen ja, dass sie bei einer Vermögensabgabe das Land verlassen werden. Ich denke aber, viele wollen gar nicht weg. Hier sind sie verwurzelt und sehr angesehen."

Wer sich die Forschungsergebnisse des DIW und anderer Institute anschaut, der stößt auf einen Widerspruch: Reiche in Deutschland sind als Familienunternehmer in ihrer Region verhaftet. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite misstrauen sie dem Staat, der Stadt, dem Landkreis. Auch deswegen betreibt der Verband der Familienunternehmen seit Jahren erfolgreich Lobbyarbeit gegen eine höhere Erbschaftsteuer. Seine Mitglieder wollen sich nicht gängeln lassen von der Gesellschaft, die sie umgibt, der sie sich aber oft fern fühlen. Sich selbst trauen sie meist mehr zu als dem Staat.

Dietmar Hopp ist das Paradebeispiel für einen erfolgreichen und gesellschaftlich engagierten Unternehmer. Er ist einer der Gründer des Softwarekonzerns SAP und ein bekannter Mäzen des Fußballvereins TSG 1899 Hoffenheim, er hat eine der größten privaten Stiftungen Europas ins Leben gerufen, die Bildungs- und Sportprojekte genauso unterstützt wie medizinische Forschung. Über Hopp kann man bedenkenlos sagen: Er macht sich verdient um die Gesellschaft, in der er lebt. Man kann über ihn aber genauso bedenkenlos sagen: Er macht die Gesellschaft, die er fördert, abhängig von seinem Wohlwollen.

Geld und soziales Kapital bieten den Vermögenden neue Möglichkeiten. Sie beeinflussen die Gesellschaft. Als Sponsoren bezahlen einige von ihnen Hörsäle in Universitäten, sie unterstützen Museen oder spendieren Schulen neue Kantinen. Manche Kommunen sind inzwischen auf ihre Unterstützung angewiesen. Die Vermögenden zahlen zwar kaum Steuer, bestimmen aber mit, wie sich die Gesellschaft entwickelt. Man könnte sagen: Statt ein gleichwertiges Mitglied des Staates zu sein, werden manche von ihnen zu regionalen Fürsten.

Der Politikwissenschaftler Armin Schäfer von der Uni Osnabrück fand heraus: Reiche haben mehr politische Macht in Deutschland als andere. Sie nehmen mehr Einfluss auf die Gesellschaft, deshalb richtet sich die Politik stärker nach ihren Wünschen.

Unterschiede zwischen Armen und Reichen hat es schon immer in Deutschland gegeben. Sie lassen sich so rasch auch nicht auflösen. Die entscheidende Frage bleibt aber: Was verbindet die Reichen mit dem Rest der Gesellschaft?

Wenn es stimmt, was die Dienstleister und Wissenschaftler berichten, dann zählen die meisten deutschen Reichen zwar nicht zu einer globalisierten Elite, die sich während ausgelassener Partynächte auf Dachterrassen in New York oder Shanghai mit Kokain berauscht. Viel repräsentativer ist hierzulande der reiche Maschinenbauunternehmer aus Schwäbisch Gmünd, der seinen Urlaub hinter hohen Hecken auf Sylt verbringt und sich fragt, wie er sein Geld vor dem Staat retten kann, um damit die Gesellschaft nach eigenen Wünschen zu gestalten. Eine Gesellschaft, von der er allerdings immer weniger mitbekommt. Und von deren übrigen Bürgern er sich abschottet – im Reich der Reichen.