Der Streit um die Rote Flora spaltet nicht allein die Stadt, er spaltet auch Familien. Nach den jüngsten Exzessen war ich der Meinung, man müsse diese unselige Lokalität unbedingt schließen, aber nach einem schwierigen Abend mit meinen beiden Töchtern, die sich vehement für die Rote Flora ins Zeug legten, sehe ich deutlicher, wie ausweglos das Dilemma ist.

Es war vorhersehbar, dass die Anführer von CDU und FDP im Hamburger Rathaus die Schließung der Roten Flora verlangen würden, vermutlich auch deshalb, weil sie die absehbaren Folgen nicht zu tragen hätten – vom Kanzleramtsminister Peter Altmaier, der ebenfalls die Schließung verlangte und wortwörtlich ganz weit ab vom Schuss ist, ganz zu schweigen.

Eine Räumung der Roten Flora hätte erstens zur Folge, dass Autos auch in Blankenese und Barrikaden auch in Pöseldorf brennen würden, so wie es Andreas Beuth, Anwalt der Roten Flora, seinen Gesinnungsfreunden ja empfohlen hat.

Zweitens würde eine Räumung nicht ohne Verletzte abgehen können. Die gewalttätigen Demonstrationen im Dezember 2013, als der Fortbestand der Roten Flora wegen eines Konflikts mit dem damaligen Besitzer infrage stand, lassen ahnen, welchen Terror die Szene im Ernstfall entfalten könnte. Eine Räumung würde drittens einen allgemein bekannten Zufluchtsort für sozial Schwache beseitigen. Und sie hätte viertens eine erhebliche Schar von Sympathisanten gegen sich.

Wer sind diese Sympathisanten? Die Harmlosesten unter ihnen sind die Touristen aus Husum oder Würzburg, die in die Schanze reisen, als wäre es ein Indianerreservat. Weniger harmlos sind die Vertreter der Kunst- und Kreativszene, die zwar brennende Autos nicht unbedingt mögen, aber berufsbedingt zu allem, was irgendwie alternativ oder widerständig erscheint, eine gewisse Zuneigung empfinden. Die Werbeleute, Grafiker, Modemacher und Gebrauchskünstler, die sich die gehobenen Mieten im Schanzenviertel zumeist leisten können, bilden ja einen Stand, der dem des altmodischen Handwerkers entgegengesetzt ist: Während dieser immerzu ähnliche Aufgaben mit ähnlichen Mitteln löst, sind die "Kreativen", wie sie sich selbst gerne nennen, Erfinder, die eine einmal gefundene Lösung keinesfalls wiederholen dürfen. Neu sein zu müssen ist ihr Fluch, und das Bewährte achten sie deshalb gering.

Diese notorisch innovative Klasse saugt alles Subkulturelle begierig auf und führt es dem Markt zu. Sodass also der Widerstand, den die Autonomen auf geradezu existenzielle Weise leben und praktizieren, immer schon als neuer Reizstoff willkommen ist und als belebendes theatralisches Element begrüßt wird. Amelie Deuflhard, die Kampnagel-Chefin, hat in einer Umfrage gesagt, die Rote Flora sei "ein Monument des Widerstands".

Widerstand – was soll damit gemeint sein? Um das zu verstehen, muss man sich für einen Augenblick in die linke Seele hineindenken. Ich rede hier ausdrücklich nicht von kritischen Köpfen, die mit vielen Vorgängen in dieser Stadt und diesem Land überkreuz sind, die aber gleichwohl finden, dass das Glas mindestens halb voll und dass dieser Staat schützenswert sei. Ich rede von jenen, die verachten und bekämpfen, was sie das "System" nennen. Ihr Feind ist der Kapitalismus, und je umfassender, je weniger definiert dieser Begriff ist, umso besser taugt er dazu, das Ganze der Verhältnisse für verfault zu erklären.

Die Debatte über die Legitimität von Gewalt wird in den Augen der radikalen Linken falsch geführt. Ihrer Ansicht nach ist die Gewalt, kurz gesagt die der Eigentumsverhältnisse, immer schon da, weshalb bei Akten des Widerstands allenfalls von Gegengewalt zu reden wäre. Deshalb muss sich niemand über die windelweichen Erklärungen der Roten Flora wundern: Ihre Weigerung, für die zutage getretene Militanz Verantwortung zu übernehmen, und ihr Versuch, die Schuld der Polizei zuzuschieben, sind Ausdruck eines Verschwörungsdenkens, das den Feind überall am Werk sieht. Noch der Name der Demonstration "Welcome to Hell" ließ ein Weltbild erkennen, das vorgibt, zwischen Gut und Böse klar unterscheiden zu können.