Wann genau sich das Verhältnis der Deutschen zu Russland polarisiert hat, ist im Nachhinein schwer zu sagen. Begann es mit der Annexion der Krim? Mit den russischen Panzern in der Ukraine? Oder mit der durch russische Medien verbreiteten Lügengeschichte von "unserer Lisa", einem russlanddeutschen Mädchen, das in Berlin angeblich stundenlang vergewaltigt und von der deutschen Polizei im Stich gelassen wurde?

Sicher ist nur: Wenn es um Russland geht, scheinen die deutschen Medien seit einiger Zeit zwei unterschiedliche Länder zu beschreiben.

"Putin greift nach Europa – und Europa schaut zu", findet die Welt. "Hybrider Großangriff auf die Wahrnehmung der Deutschen", warnt Bild.de. Dies ist die Geschichte vom bösen Russland, einem aggressiven Staat, der alles tut, um seinen Machtbereich auszuweiten.

"Russland gehört integriert, nicht isoliert", meint der Handelsblatt- Herausgeber Gabor Steingart. "Den Putin, den wir überall sehen, den erfinden wir uns selbst", schreibt Spiegel Online . Das ist die Version vom guten Russland, vom Westen bedrängt und in die Enge getrieben.

Welche Geschichte stimmt?

Geht es darum, Wünsche und Streben eines Menschen offenzulegen, hilft es, mit dessen Freunden und Bekannten zu sprechen. Möchte man die außenpolitischen Ziele eines ganzen Staates analysieren, ist es sinnvoll, dessen Nachbarländer zu bereisen. Vor allem wenn dieser Staat so viele Nachbarn hat wie Russland.

Eine Reise entlang der Westgrenze soll Antworten geben auf die Fragen: Was will Russland? Und wie weit ist es zu gehen bereit?

Estland, oder: Sind wir als Nächstes dran?

© ZEIT-Grafik

In einem Wald nahe der Hauptstadt Tallinn humpelt Kommandant Erik Reinhold über nadeligen Boden – die alten Probleme mit dem Bein. Fichtenzweige knacken unter seinen Armeestiefeln, links und rechts robben Männer und Frauen durchs Unterholz, ehe sie mit Schnellfeuergewehren, Modell AK-4, in Stellung gehen. Fast jedes zweite Wochenende kriechen sie durch estnische Wälder.

Es ist Sonntag, und 24 Menschen wollen von Erik Reinhold das Kämpfen lernen. Da ist Barbara, 26, klein, zierlich, Mutter einer dreijährigen Tochter und froh, kurzzeitig ihrem Hausfrauenleben zu entkommen. Könnte sie eine bessere Begründung haben als die, ihr Vaterland schützen zu wollen? Ihr Kamerad Ken, ein Biochemiker, hofft, seine Stressresistenz zu verbessern. An diesem Morgen im Wald sind sie um sechs Uhr aufgestanden, haben in den Zelten ihre olivfarbenen Schlafsäcke zusammengerollt, Tarnfleck-Uniformen übergezogen und sich dunkle Farbe ins Gesicht geschmiert.

Wenn Krieg wäre, wollen sie bereit sein.

Wenn Krieg wäre, wollen sie sich wehren.

Wenn Krieg wäre, hofft Erik Reinhold, wird sich das kleine Estland nicht kampflos ergeben.