So heftig hat das wiedervereinigte Deutschland noch kein Land in die Schranken gewiesen: mit Verschärfung von Reisehinweisen, Entzug von Investitionsbürgschaften und Warnungen an deutsche Investoren. Allerdings wurde Deutschland seit dem Ende des Kalten Krieges auch noch nicht derart gereizt: mit Nazivergleichen, Druck auf deutsche Einrichtungen in der Türkei, Spitzelangriffen türkischer Geheimdienste in Deutschland und willkürlicher Verhaftung von deutschen Bürgern. Das Verhältnis zur Türkei ist zerrüttet.

Und daran trägt allen voran der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Schuld. Kein Tag vergeht, an dem er nicht auf Berlin eindrischt. Es ist kein Zufall, dass er sich Deutschland ausgesucht hat für seine Attacken. Für den Weg der Türkei in das autoritäre Präsidialsystem braucht er Mobilisierung und ein Feindbild.

Die besondere Nähe zwischen Deutschland und der Türkei kommt ihm dabei gerade recht. Erdoğan nutzt diese Nähe aus. Er will in Deutschland zu den Türkeistämmigen reden. Und wenn er nicht reden darf, dann hetzt er öffentlich. Für Erdoğan hat Deutschland genau das richtige Format. Ein Land, groß genug, um den nationalen Helden zu markieren, aber kleiner als das gefährliche Russland oder die vom unberechenbaren Trump geführte Supermacht USA. Ein westliches ziviles Land, von einer Frau regiert, mit Hunderttausenden Erdoğan-Fans. Perfekt zum Aufmischen. Erdoğan geht, so weit er kann. Jetzt stößt er erstmals an Grenzen.

Die deutliche Antwort von Sigmar Gabriel zielte direkt auf Erdoğan, mit ihr will der Außenminister die Freilassung der inhaftierten Deutschen erreichen. Doch die Wende der Bundesregierung in ihrer Türkei-Politik geht weiter. Selbst wenn Erdoğan die Gefangenen freilässt, kann er die neue deutsche Gangart gegenüber Ankara höchstens abmildern. In den Kreisen der Berliner Regierung heißt es: "Es wird nichts mehr so sein wie vorher." Das Vertrauen in die Türkei ist weg. Erdoğans Attacken und die Berliner "Neuausrichtung der Beziehungen" könnten die Türkei und Europa endgültig auseinandertreiben. Will Berlin das, will Erdoğan das? Beide Seiten ziehen los, ohne das Ende des Weges zu kennen. Die Liste der Streitpunkte ist lang.

Sind die Millionen von Türkeistämmigen in Deutschland dabei ein Spielball? Einst standen sie für die Nähe zwischen beiden Staaten. Heute geraten sie zwischen die Fronten, werden zum Zankapfel – dank Erdoğans Kampagnen. Sigmar Gabriel hat den Deutschtürken in einem Brief versichert, keine der angekündigten Maßnahmen gegen Erdoğan richte sich gegen sie. Doch die Erdoğan-Fans in Deutschland glauben das nicht, sie identifizieren sich mit ihrem Helden, bejubeln ihn und schieben allein Berlin die Schuld am Streit zu. Hingegen fürchten die Erdoğan-Gegner in Deutschland gerade die besondere Nähe zur Türkei und hoffen, dass der lange Arm des türkischen Geheimdienstes sie nicht erreicht.

Erinnerungen werden wach an die Deutschen in der Türkei vor 80 Jahren. Vorige Woche zeigte das staatliche türkische Yunus-Emre-Institut in der Berliner Akademie der Künste einen Film über Edzard Reuter, den Sohn des ehemaligen Berliner Bürgermeisters und langjährigen Vorstandsvorsitzenden von Daimler-Benz. Reuter lebte als Kind von 1935 bis 1946 in der Türkei, weil sein Vater, ein Sozialdemokrat, aus Deutschland vor den Nazis fliehen musste. Die Türken boten den Reuters wie vielen anderen Deutschen großzügig Zuflucht an. Der türkische Begriff für diese Deutschen war "Haymatloz". Vor dem bewegenden Film war eine Ansprache des Direktors des Yunus-Emre-Instituts geplant. Sie fiel aus, ohne Begründung. Aber viele im Saal teilten den Verdacht: Für eine Rede eines offiziellen türkischen Vertreters sind wohl die Parallelen zur heutigen Türkei zu deutlich.

In Deutschland leben nicht nur Erdoğan-Anhänger, sondern ebenso verfemte Kurden, türkische Oppositionelle, Journalisten, Atatürk-Verehrer, Anhänger der verfolgten Gülen-Bewegung, denen Erdoğan den Putsch vom Juli 2016 allein angehängt hat. Einige von der Türkei verfolgte Offiziere sind auch dabei. Vor Kurzem erhielt sogar eine türkische Parlamentsabgeordnete Asyl. Für Erdoğan ist diese Form der Nähe eine ungeheure Provokation. Er fordert die Auslieferung. Die Deutschen aber gewähren politisch verfolgten Türken Asyl, egal, ob sie Generale sind, Kurden oder Gülenisten. Für geflohene Türken ist Deutschland eine große Hoffnung, für Erdoğan jedoch Hort seiner politischen Feinde. Dieser Gegensatz wird die Beziehungen noch lange verdüstern, und daran kann die Bundesregierung wenig ändern, ohne Werte und Verfassung zu verraten.

Der deutsch-türkische Streit geht ja auch deshalb so tief, weil die fatale Menschenrechtslage und der Weg in eine repressive Autokratie Erdoğan wichtige Verbündete gekostet haben. Früher waren es Sozialdemokraten und Grüne, die die Reform-Türkei der frühen Erdoğan-Jahre an Europa binden wollten. Sie suchten damals die Nähe. Die rot-grüne Koalition überzeugte die EU, mit Ankara Beitrittsverhandlungen zu führen. Heute ist es nicht die von jeher auf Distanz zur Türkei bedachte CDU, sondern der SPD-Außenminister Gabriel, der die Neuausrichtung der Türkei-Politik vorantreibt. Und von der Oppositionsbank aus fordern die Grünen noch härtere Maßnahmen.

Das wurde gerade bei einem zentralen Streitpunkt klar, der Sicherheitspolitik. Die Bundeswehr verlegt ihre Anti-Terror-Mission in Nahost von der Türkei nach Jordanien, weil Erdoğan deutschen Abgeordneten den Zugang zu den Bundeswehrsoldaten versagte. Für den Abzug machten sich allen voran SPD- und Grünen-Abgeordnete stark. Sie fordern auch das Ende der Rüstungsexporte in die Türkei – und einige sogar den Abzug deutscher Soldaten von der Awacs-Basis im türkischen Konya, weil Ankara auch hier Besuche verweigert. Da sperren sich allerdings die CDU und das Kanzleramt. Die Bundeswehr stellt ein Drittel der Awacs-Besatzungen in Konya, ein Abzug würde die Nato-Bündnisfähigkeit Berlins infrage stellen.