DIE ZEIT: Herr Kalyoncu, Sie haben 2009 in Antalya eine deutsche Bäckerei gegründet. Sie verkaufen Sonnenblumenbrot, Käsekuchen, Nussecken. Nun steckt das deutsch-türkische Verhältnis in der Krise. Gehen Ihnen die deutschen Kunden aus?

Baha Kalyoncu: Ja, definitiv, die Touristen aus Deutschland werden weniger. Wir haben noch ein anderes Problem: Die meisten unserer Kunden sind Europäer, die hier leben. Aber auch die werden weniger. Und sie bekommen seltener Besuch von ihren Familien und Freunden aus dem Ausland. Seit rund anderthalb Jahren kann man beobachten, dass in Antalya viele Immobilien zum Verkauf stehen, weil sich die Leute sagen: Komm, wir ziehen um. Wegen des Konflikts mit Russland sind zum Beispiel viele Russen weggezogen. Hier gibt es gerade Immobilien ohne Ende. Auch am Einzelhandel kann man den Rückgang ablesen. In den vergangenen zwei Jahren hat locker ein Drittel der Geschäfte dichtgemacht.

ZEIT: Steht Ihre Bäckerei auch vor der Pleite?

Kalyoncu: Wir sind ein kleines Unternehmen mit nur vier Mitarbeitern und können flexibel reagieren. Wir sind nicht gefährdet. Aber wir haben natürlich Einbußen zu verzeichnen.

ZEIT: Das Auswärtige Amt hat jüngst die Reisehinweise für die Türkei verschärft. "Personen, die aus persönlichen oder geschäftlichen Gründen in die Türkei reisen, wird zu erhöhter Vorsicht geraten", steht da. Was halten Sie davon?

Kalyoncu: Ich habe gerade mit einem Freund gesprochen, der in einem Reisebüro arbeitet, das auf deutsche Touristen spezialisiert ist. Er sagt, die Buchungen aus Deutschland seien unmittelbar nach der Verschärfung der Reisehinweise um 30 Prozent zurückgegangen. Dazu kommen die Stornierungen. Ich kann diese Maßnahme nicht nachvollziehen, die Reisehinweise verunsichern die Touristen und treffen die Wirtschaft vor Ort. Eine Reaktion auf diplomatischer Ebene wäre besser gewesen.

ZEIT: Was sagen Sie Ihren Freunden aus Deutschland, wenn sie fragen, ob es eine gute Idee ist, im Urlaub in die Türkei zu fahren?

Kalyoncu: Selbstverständlich, kommt her, ich hole euch am Flughafen ab! Das sage ich auch meinen Kindern.

ZEIT: Ihre Kinder leben nicht in der Türkei?

Kalyoncu: Sie studieren in Deutschland. Und werden auch ständig von Kommilitonen auf die Situation in der Türkei angesprochen. Dann sagen sie: Wir haben mit Papa telefoniert, es ist alles okay, wir fliegen auch diesen Sommer wieder in die Türkei.