In den Rissen siedelt Neues

Ach, der Kapitalismus, man mag sich nicht mehr beschweren. Wer kann das ewige Lamento noch hören? Doch bei der Frage, wie man sich aus dem Professorensessel hochwuchten soll und handfest etwas verändern, wird es fast still im Blätterwald. Nur selten fällt ein Buch vom Himmel, das anders ist, jetzt sind es gleich drei. Allen voran der Klassiker Reale Utopien des Soziologen Erik Olin Wright, der mit siebenjähriger Verspätung als Übersetzung erscheint, außerdem ein Almanach der Alternativen und drittens ein radikaler Wurf. Doch von vorn, das heißt auch: historisch von vorn.

Erik Olin Wrights Fundament ist das linke Denken von Jahrzehnten. Mit dessen zentralen Fragen beschäftigt sich der Soziologe von der University of Wisconsin seit Langem: Welche Veränderungen sind a) möglich, b) wünschenswert und c) wie herbeizuführen? In seinem Real Utopias Project versuchte Wright, nicht nur theoretisch, sondern mit Blick auf konkrete zivilgesellschaftliche Projekte herauszufinden, ob und wie diese zu einer positiven Veränderung der Welt beitragen können. Diese jahrzehntelange Forschungsarbeit wurde nun in die 500 Seiten der Realen Utopien gepresst.

Zuerst eine Enttäuschung: Leider kann sich das Buch nicht entscheiden, ob es ein Manifest oder ein wissenschaftliches Werk, eine Einführung oder ein Expertenbericht sein will. Es holpert beim Lesen. Da aber nur wenige Denker so einflussreich und doch so unbekannt geblieben sind wie Wright, lohnt sich die Lektüre nichtsdestotrotz. Die Utopien von gestern, wie das Teilen geht und das gemeinsame Nutzen, das Sparen und ein gerechtes Ermöglichen, sind heute vielerorts Realität, sie haben sich herumgesprochen und eingepflanzt: Allein das reichte, um sich durch Wright für mögliche Zukünfte motivieren zu lassen.

Wrights wichtigste These lautet: Drei große Transformationsansätze habe das 20. Jahrhundert hervorgebracht, und alle drei seien gescheitert. Die Revolution mit den Kriegen und Hungersnöten, die sie nach sich zog, habe ins Autoritäre münden müssen. Sozialdemokratische Reformanstrengungen, die den Konflikt zwischen Arbeit und Kapital zu kitten suchten, seien von den Eliten übernommen worden, und das genossenschaftliche Wirtschaften, drittens, sei zu sehr auf lokale Nischen konzentriert gewesen, als dass es zu einem Systemwechsel beigetragen habe. Also müsse man die drei Strategien so neu kombinieren, "dass in den Räumen und Rissen innerhalb kapitalistischer Wirtschaften emanzipatorische Alternativen aufgebaut werden und zugleich um die Ausweitung dieser Räume gekämpft wird". Diese Alternativen in den Rissen des Kapitalismus sind Wrights Reale Utopien.

Im umfangreichen mittleren Teil seines Buches klopft Wright die Inseln sozialer Neuerfindung nach ihren utopischen Potenzialen ab. Die baskische Mondragon-Genossenschaft, die eine der größten Supermarktketten Spaniens betreibt, gehört dazu, ebenso Peer-to-Peer-Entwicklung von Software oder die Modelle der Reformpolitik in Kanada und Schweden.

Idealtypisch zeigt Wright anhand der Haushaltsplanung in Porto Alegre, wie man mit kleinen Veränderungen im Alltag einen Raum schafft, der nicht bloß Profitinteressen dient, sondern den Einwohnern. In der brasilianischen Hafenstadt führte die sozialdemokratische Arbeitspartei 1988 die sogenannte partizipative Haushaltplanung ein. In Stadtteilversammlungen werden die einzelnen Posten des Budgets von allen Einwohnern diskutiert. Was anstrengend klingt, erwies sich als Renner: Nicht nur gut ausgebildete Bürger, solche mit hohen Einkommen und viel freier Zeit, engagierten sich, nein, gerade sozial Benachteiligte nutzten die Chance, sich einzubringen. Das Resultat: Ärmere Stadtteile erhalten deutlich mehr Geld, die Korruption ist geschwunden und die Steuerehrlichkeit gestiegen. Weniger genau messbar sind die ideellen Folgen: Das Gemeinschaftsgefühl nimmt zu und ein Gefühl, der Staat gehöre den Bürgern, sei für sie da und nicht umgekehrt.

Einige Kritik kann man den Realen Utopien nicht ersparen: Wright will die Fülle des Möglichen zeigen und verliert sich im Klein-Klein von Kindergärten und Stadtteilinitiativen älteren Datums. Neuere Projekte und Ideen wie die Creative Commons tauchen nicht auf. Aber Wright hat den Anfang gemacht, seither folgen die Arbeiten, die an ihn anknüpfen.

Wrights frische Updates

Der Zukunftsalmanach etwa, der Jahr für Jahr vom Möglichen berichtet: eine minutiöse Vergegenwärtigung konkreter Projekte und realer Utopien in der Nachbarschaft. Diese Almanache der Stiftung Futurzwei sind leichthändig geschrieben, elegant aufgebaut und leserfreundlich. Der exzellente Zukunftsalmanach 2017/18 (Fischer Verlag) widmet sich dem Schwerpunkt Stadt. In Artikeln, die nur wenige Seiten lang sind, werden Realutopien aus Städten der Welt vorgestellt, deren Ziel mehr Nachhaltigkeit oder Teilhabe ist, von Urban-Gardening-Initiativen bis zu Einkaufsgenossenschaften. Gerahmt werden sie von erhellenden Essays des Stiftungsgründers Harald Welzer und seiner Mitherausgeberin Saskia Herbert. Welzers lebendiges Langzeitprojekt, emanzipatorische Alternativen innerhalb kapitalistischer Räume zu dokumentieren, ist heute das frischeste Update dessen, was sich Wright vor Jahrzehnten zurechtgedacht hat.

Auf dem theoretischen Boden, den Erik Olin Wright mit seiner Pionierstudie bereitet hat, sprießen aber auch direkte Abkömmlinge mit jüngeren, radikaleren Ideen, wie nun das Buch Die Zukunft erfinden (Edition Tiamat). Die Autoren Alex Williams und Nick Srnicek sind erklärtermaßen von Wrights Denken beeinflusst. Das Autorenteam sorgte bereits 2013 für Furore, als es seinen Glauben an technologische Transformationen des Menschlichen in sein Manifest für eine Akzelerationistische Politik goss. Das neue Buch nun ist weniger auf Krawall gebürstet, doch spart es nicht mit Kritik an der Sklerose linker Politik. Die Autoren diagnostizieren minimalistisches Denken: Bewegungen wie Occupy dienten bloß als Ventil, um aufgestaute Frustration abzulassen. Die bequeme "Folk-Politik" ziehe "das Alltägliche dem Strukturellen vor" und "das Fühlen dem Denken". Das Erlebnis, der persönliche Kontakt, der Event werde der anstrengenden Arbeit an Alternativen und dem Aufbau neuer Strukturen vorgezogen. Es fehle an Ideen, an Mut, strategisch und langfristig zu denken. Sie geißeln auch die Vereinfachung von Wrights Thesen, die weit verbreitet ist: Autonome Freiräume seien zwar wichtig, doch genügten sie nicht. Sie sollten nicht nur Rückzugsräume bieten, um den Kapitalismus wie in einem Bunker zu überstehen.

Damit schließen Williams und Srnicek an Wrights Gedanken an: Die vielen kleinen Realutopien sollen sich verbinden, sich institutionalisieren und so gegen herrschende Hegemonien ankämpfen, in denen sich seit Jahrzehnten der Neoliberalismus zum Common Sense verdichtet hat. Williams und Srnicek wollen in den Zwischenräumen eine Gegenhegemonie aufbauen. Das protestantische Arbeitsethos soll über Bord geworfen werden und mit ihm der ganze Ballast sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Arbeitsversessenheit. In den technologischen Entwicklungen sehen sie eine Chance. Sie wollen den Kapitalismus nicht zerstören, sondern seine Innovationskraft nutzen, um in ein Postkapitalistisches Zeitalter ohne Ausbeutung zu gelangen. Die vollständige Automation und ein bedingungsloses Grundeinkommen sollen die Welt vom Joch der Lohnarbeit befreien.

Fully Automated Luxury Communism nennt man das in Großbritannien. Doch Williams und Srnicek ist nicht nach Scherzen zumute, sie wollen die ganz große Utopie: Zukunft.

Erik Olin Wright: Reale Utopien; a. d. Engl. von Max Henninger; Suhrkamp, Berlin 2017; 530 S., 24,– €, als E-Book 23,99 €