Der Zukunftsalmanach etwa, der Jahr für Jahr vom Möglichen berichtet: eine minutiöse Vergegenwärtigung konkreter Projekte und realer Utopien in der Nachbarschaft. Diese Almanache der Stiftung Futurzwei sind leichthändig geschrieben, elegant aufgebaut und leserfreundlich. Der exzellente Zukunftsalmanach 2017/18 (Fischer Verlag) widmet sich dem Schwerpunkt Stadt. In Artikeln, die nur wenige Seiten lang sind, werden Realutopien aus Städten der Welt vorgestellt, deren Ziel mehr Nachhaltigkeit oder Teilhabe ist, von Urban-Gardening-Initiativen bis zu Einkaufsgenossenschaften. Gerahmt werden sie von erhellenden Essays des Stiftungsgründers Harald Welzer und seiner Mitherausgeberin Saskia Herbert. Welzers lebendiges Langzeitprojekt, emanzipatorische Alternativen innerhalb kapitalistischer Räume zu dokumentieren, ist heute das frischeste Update dessen, was sich Wright vor Jahrzehnten zurechtgedacht hat.

Auf dem theoretischen Boden, den Erik Olin Wright mit seiner Pionierstudie bereitet hat, sprießen aber auch direkte Abkömmlinge mit jüngeren, radikaleren Ideen, wie nun das Buch Die Zukunft erfinden (Edition Tiamat). Die Autoren Alex Williams und Nick Srnicek sind erklärtermaßen von Wrights Denken beeinflusst. Das Autorenteam sorgte bereits 2013 für Furore, als es seinen Glauben an technologische Transformationen des Menschlichen in sein Manifest für eine Akzelerationistische Politik goss. Das neue Buch nun ist weniger auf Krawall gebürstet, doch spart es nicht mit Kritik an der Sklerose linker Politik. Die Autoren diagnostizieren minimalistisches Denken: Bewegungen wie Occupy dienten bloß als Ventil, um aufgestaute Frustration abzulassen. Die bequeme "Folk-Politik" ziehe "das Alltägliche dem Strukturellen vor" und "das Fühlen dem Denken". Das Erlebnis, der persönliche Kontakt, der Event werde der anstrengenden Arbeit an Alternativen und dem Aufbau neuer Strukturen vorgezogen. Es fehle an Ideen, an Mut, strategisch und langfristig zu denken. Sie geißeln auch die Vereinfachung von Wrights Thesen, die weit verbreitet ist: Autonome Freiräume seien zwar wichtig, doch genügten sie nicht. Sie sollten nicht nur Rückzugsräume bieten, um den Kapitalismus wie in einem Bunker zu überstehen.

Damit schließen Williams und Srnicek an Wrights Gedanken an: Die vielen kleinen Realutopien sollen sich verbinden, sich institutionalisieren und so gegen herrschende Hegemonien ankämpfen, in denen sich seit Jahrzehnten der Neoliberalismus zum Common Sense verdichtet hat. Williams und Srnicek wollen in den Zwischenräumen eine Gegenhegemonie aufbauen. Das protestantische Arbeitsethos soll über Bord geworfen werden und mit ihm der ganze Ballast sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Arbeitsversessenheit. In den technologischen Entwicklungen sehen sie eine Chance. Sie wollen den Kapitalismus nicht zerstören, sondern seine Innovationskraft nutzen, um in ein Postkapitalistisches Zeitalter ohne Ausbeutung zu gelangen. Die vollständige Automation und ein bedingungsloses Grundeinkommen sollen die Welt vom Joch der Lohnarbeit befreien.

Fully Automated Luxury Communism nennt man das in Großbritannien. Doch Williams und Srnicek ist nicht nach Scherzen zumute, sie wollen die ganz große Utopie: Zukunft.

Erik Olin Wright: Reale Utopien; a. d. Engl. von Max Henninger; Suhrkamp, Berlin 2017; 530 S., 24,– €, als E-Book 23,99 €