Am 2. Oktober 2015, zwei Wochen nach Bekanntwerden des VW-Betrugs, geht in den europäischen Hauptstädten der Kommissionsentwurf aus Brüssel ein. Es steht darin unter anderem, wie sehr man den neuen Messgeräten im Straßenverkehr vertrauen will. Sind sie ungenau und messen zum Nachteil des Autos, könnte ein Fahrzeug, das tatsächlich 80 Milligramm Stickoxid pro Kilometer ausstößt, trotzdem durch den Zulassungstest fallen. Das soll nicht passieren! Vor allem nicht in Deutschland, wo sich noch jeder Kanzler für die Autoindustrie einsetzte. Daimler, Volkswagen und BMW haben in den vergangenen sechs Jahren einen Gewinn von 190 Milliarden Euro gemacht, 815.000 Menschen arbeiten in Deutschland für Autohersteller und ihre Zulieferer.

Damit neue Regeln der Politik die Industrie nicht überfordern, steht im Vorschlag der EU-Kommission ein sogenannter Konformitätsfaktor. Das klingt nach Kleingedrucktem, das niemand genau liest. Tatsächlich aber wird der Konformitätsfaktor in den folgenden Monaten vom scheinbaren Detail zur Hauptsache. Kanzleramt und Autoindustrie machen aus ihm einen Saubermachfaktor, mit dem sie die getesteten Autos nicht mehr auf dem Prüfstand, sondern mit dem Taschenrechner besser aussehen lassen, als sie sind.

Der Faktor soll Schwankungen bei der Messgenauigkeit ausgleichen, indem man den Abgas-Grenzwert mit diesem Faktor multipliziert, wenn auf der Straße statt im Labor gemessen wird. Die Kommission sieht vor, dass in fünf Jahren dann der Faktor 1,2 gelten soll, was hieße: Beim Straßentest dürften 96 statt 80 Milligramm Stickoxid pro Kilometer gemessen werden – eine Messtoleranz von 20 Prozent. Während fünf Jahren Übergangszeit soll ein Faktor von 1,6 zählen, eine Fehlertoleranz von 60 Prozent. Das wäre in etwa so, als wenn man Geschwindigkeitsüberschreitungen auf einer 80-km/h-Straße erst ab 128 km/h ahndete.

Die Kommission, so geht es aus Protokollen Brüsseler Diplomaten hervor, lässt für ihren Vorschlag nicht berechnen, wie hoch der Faktor sein müsste, damit die Luft besser wird. Sie lässt berechnen, wie hoch er sein müsste, damit möglichst viele alte Diesel den Test bestehen. Ergebnis: Einen Faktor von 1,6 könnten 90 Prozent der in Europa zugelassenen Autos erreichen, durch kleinere Nachrüstungen oder Anpassungen der Software für die Abgassteuerung. Nachdem also aufgeflogen ist, dass bei den Messungen betrogen wird, soll in Zukunft zwar genauer gemessen, der Grenzwert für Autoabgase aber doch wieder mit mathematischen Tricks erhöht werden.

Damit das Gesetz werden kann, braucht die Kommission die Zustimmung der Mitgliedsstaaten. Für deutsche Auto-Lobbyisten ist das eine gute Nachricht. Denn mit der deutschen Regierung ist die Industrie bestens vernetzt: Matthias Wissmann, Verkehrsminister unter Helmut Kohl, ist heute Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Thomas Steg, stellvertretender Regierungssprecher unter Gerhard Schröder und später unter Angela Merkel, ist heute Chef-Lobbyist von VW. Eckart von Klaeden, ehemals Staatsminister im Bundeskanzleramt unter Merkel, leitet heute die Abteilung Politik und Außenbeziehungen der Daimler AG. Und Joachim Koschnicke wechselte von der CDU-Kommunikation zu Opel, ehe er 2017 zum Wahlkampfmanager der CDU wurde.

Wozu diese Nähe nach dem Schreiben aus Brüssel führt, ist gut dokumentiert, weil sich damit später ein Untersuchungsausschuss des Bundestages im Zuge der Aufarbeitung des Dieselbetrugs beschäftigte. Wer dieser Papierspur folgt, die die Bürokratie hinter sich hergezogen hat, der liest anfangs von klar verteilten Rollen: Das Umweltministerium will strenge Grenzwerte, Wirtschafts- und Verkehrsressort wollen Autohersteller und Arbeitsplätze schützen.

Am späten Freitagnachmittag des 9. Oktober, so dokumentieren es die Akten, regen sich die Beamten im Umweltministerium. "Zur Arbeitserleichterung" schickt ein Referent eine E-Mail an die Kollegen im Wirtschaftsressort. Das Umweltministerium schlägt sich darin auf die Seite der EU-Kommission, das heißt: Konformitätsfaktor zunächst 1,6, später 1,2. Das für den Umweltschutz zuständige Ressort der deutschen Regierung gibt sich also mit dem Brüsseler Entwurf zufrieden. Damit ist die "Extremposition" der Kommission im deutschen Staatsapparat bereits festgelegt – die Möglichkeit, den Vorschlag im Sinne saubererer Luft zu verschärfen, ist vom Tisch.