Außerdem bringen die Konzerne Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) in Stellung, um die Kanzlerin zu bearbeiten. Er schreibt ihr ("Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, liebe Angela") seine Bitte, den Autobauern nicht zu hohe Auflagen aufzubürden. Die aus seiner Sicht vernünftigste Position: die der Industrie. "Ich bitte Dich daher, dass die Bundesregierung diese Vorschläge in den anstehenden Beratungen aufgreift und auf ein Ergebnis hinarbeitet, das das Klima schützt, die Luftqualitätsziele erfüllt und die Wettbewerbsfähigkeit der Automobilindustrie erhält."

Später arbeiten Seehofers Mitarbeiter nach. Christian Luft, Abteilungsleiter im Kanzleramt, erhält per E-Mail eine vertrauliche Einschätzung der bayerischen Staatskanzlei. Die Automobilindustrie sei nicht imstande, den Kommissionsvorschlag umzusetzen, heißt es darin. "Die BReg wird deshalb eindringlich gebeten, den Vorschlag abzulehnen und gemeinsam mit den anderen EU-Mitgliedstaaten einen tragfähigen Kompromiss auszuloten." Unverhohlen folgen im Papier aus Bayern die "wichtigsten Forderungen der BMW Group im Einzelnen". Das Unternehmen wünscht einen Konformitätsfaktor "größer 2" in der ersten Stufe, in der zweiten sei "1,5 machbar".

Eine Woche vor der entscheidenden Sitzung des technischen Ausschusses, in dem die Mitgliedsstaaten über solche Feinheiten sprechen, ist völlig unklar, wie die Abstimmung ausgehen wird. All das Geschacher um Konformitätsfaktoren kann aus deutscher Sicht nur dann Erfolg haben, wenn die Kommission selbst ihren Vorschlag zurückzieht und einen neuen einbringt. Wie aber lässt sich das erreichen?

Aus dem Kanzleramt rät man zu sanftem Druck. Referatsleiter Dirk Pung-Jakobsen schreibt am 22. Oktober ans Verkehrsministerium: "Auch wenn es äußerst schwierig sein dürfte, eine qualifizierte Mehrheit gegen den KOM-Vorschlag (wie notwendig) zu Stande zu bringen, dürfte es hilfreich sein, die KOM noch einmal deutlich darauf hinzuweisen, dass nicht nur die 4 großen MS sondern auch eine Reihe von kleineren ihren Vorschlag sehr kritisch sehen."

Die Bundeskanzlerin kümmert sich nun persönlich darum, dass die Kommission einen neuen Vorschlag einbringt. Am Rande des deutsch-französischen Digitalgipfels am 27. Oktober besprechen sich Merkel und der französische Präsident François Hollande, die damaligen Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Emmanuel Macron sind auch dabei. Gabriel sagt später vor dem Untersuchungsausschuss, es sei ihnen dort mitgeteilt worden, "dass die beiden Regierungschefs sich auf 2,1 verständigt hätten".

Nach dem Digitalgipfel folgt ein Treffen bei der Lobbyorganisation European Round Table. Dort ist auch Kommissionschef Jean-Claude Juncker eingeladen. Später wird sich Merkel im Untersuchungsausschuss des Bundestags so erinnern: Deutschland und Frankreich hätten Juncker "gesagt, was unsere Position ist. Nicht mehr und nicht weniger. Und er hat es zur Kenntnis genommen."

Offenbar waren sie sehr überzeugend. Am 28. Oktober treffen sich in Brüssel die EU-Mitglieder zur entscheidenden Sitzung des technischen Ausschusses Kraftfahrzeuge. Längst ist klar, dass es für den ursprünglichen Kommissionsvorschlag keine Mehrheit gibt. Die EU-Kommission präsentiert einen neuen. Der Konformitätsfaktor soll jetzt im ersten Schritt 2,1 betragen, ein Drittel großzügiger als zunächst vorgesehen, der zweite Schritt, Faktor 1,5, fällt um ein Viertel nachlässiger aus. Außerdem werden die Übergangsfristen gelockert, für alle Fahrzeuge sollen die neuen Regeln erst ab 2021 gelten.