Horst Seehofer kann zufrieden sein, die neuen Werte sind sogar noch weniger streng als von BMW gefordert. Ob in Deutschland alle glücklich sind, ist jetzt nicht mehr entscheidend. "Deutschland hatte dem Vorschlag gemäß der Richtlinienkompetenz des BK zugestimmt", schreibt ein Beamter des Verkehrsministeriums in einem internen Vermerk. Mit anderen Worten: Kurz vor der Abstimmung sprach Merkel ein Machtwort. Ein Vorgesetzter streicht den Vermerk mit dem Kommentar: "Das war im Kern so, muß aber nicht noch betont werden."

Stimmen die anderen Mitgliedsstaaten der EU dem zu, sechs Wochen nach dem VW-Skandal?

Die deutsch-französische Allianz funktioniert. 26 Länder sind dabei, Tschechien enthält sich, nur die Niederlande sagen Nein. "Verhandlungserfolg der BReg.", notieren die Beamten in Berlin einen Tag nach der Abstimmung. Den Kritikern bleibt zu jener Zeit nur die Hoffnung auf das Europäische Parlament. Seinen Abgeordneten würde der Vorschlag als Nächstes vorgelegt werden, nachdem der Umweltausschuss das Gesetz tatsächlich zunächst abgelehnt und dem Parlament vorgeschlagen hat, Einspruch gegen den Konformitätsfaktor zu erheben. Um den Faktor zurückzuweisen, braucht es eine absolute Mehrheit: 375 von 749 Abgeordneten. Sicher sind die Stimmen der Grünen und Linken, zusammen 103 Abgeordnete. Auch die 189 Sozialdemokraten müssten möglichst geschlossen abstimmen. Allerdings kommen viele von ihnen aus Wahlkreisen, in denen Arbeitsplätze von Autokonzernen abhängen. Damit eine Mehrheit zustande kommt, braucht es außerdem einige Stimmen von liberalen und konservativen Parlamentariern. Einige erinnern sich noch heute lebhaft an die Lobbyschlacht um ihre Gunst.

Wirtschaftsminister Gabriel schickt, so geht es aus den Akten des Untersuchungsausschusses hervor, den europäischen Genossen einen Brief. Darin wirbt er für die Zustimmung zum Kommissionsvorschlag. Und die Kanzlerin wirkt auf die CDU/CSU-Gruppe im Parlament sogar persönlich ein. Im November gibt es ein Treffen im Kanzleramt: "Müssen aufpassen, dass ›Made in Germany‹ nicht diskreditiert wird", steht auf einem Briefing für die Kanzlerin, das ebenfalls in den Ausschussunterlagen zu finden ist. Am 29. Januar trifft Merkel sogar Martin Schulz zu einem Gespräch. Schulz ist da noch nicht Kanzlerkandidat der SPD, sondern Präsident des Europaparlaments. Merkels Sprechzettel für diesen Termin listet Ideen für einen möglichen Kompromiss auf: Die Kommission könnte dem Parlament bei weiteren Regelungen zur Abgaskontrolle entgegenkommen und mehr Mitsprache einräumen. Im Gegenzug müssten die Parlamentarier dem Kommissionsvorschlag zustimmen.

Die Abstimmung ist am 3. Februar 2016 in Straßburg. Das Ergebnis: 317 stimmen dafür, 323 dagegen. Damit bekommt der Einspruch des Umweltausschusses keine Mehrheit. Fünf Monate nach dem Bekanntwerden eines der größten Industrieskandale der Nachkriegszeit haben die EU-Parlamentarier dem Konformitätsfaktor zugestimmt.

Am Mittwoch beim Dieselgipfel (nach Redaktionsschluss der ZEIT) war die Kanzlerin nicht zugegen. Aber sie hat ja schon geliefert. Ab 1. September gelten die neuen Testvorgaben auf der Straße statt im Labor. Merkel hat sich stets sehr konform verhalten. 

Lesen Sie hier die Ergebnisse des Dieselgipfels.