DIE ZEIT: Herr Rauner, Sie forschen seit Jahrzehnten über die Entwicklung der Berufsbildung in Deutschland. Steckt sie in der Krise, wie viele sagen?

Felix Rauner: Sie leidet zumindest unter einem Attraktivitätsverlust, ja. Das geht einher mit einem internationalen Trend zur Akademisierung.

ZEIT: Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages hat jetzt ergeben, dass jedes dritte Unternehmen nicht genügend Bewerber findet. Viele Unternehmen klagen zudem über mangelnde Qualität der Bewerbungen.

Rauner: Diese Einschätzung ist zu einseitig. Stets heißt es, die Bewerber rechneten zu schlecht oder schrieben nicht fehlerfrei Deutsch. Aber es gibt viele Berufe, in denen es um körperliche Fähigkeiten, um den Umgang mit Menschen geht.

ZEIT: Dennoch: Zu wenig junge Menschen machen eine Ausbildung. Warum?

Rauner: Eine wesentliche Ursache ist der schlechte Übergang von der Schule in den Beruf. Die Berufsorientierung während der Schule funktioniert nicht. Berufe werden moderner, die Schule wird es nicht.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Rauner: Eine vorberufliche Bildung vom Kindergarten bis zum letzten Schuljahr. Berufsorientierung sollte Teil der Allgemeinbildung sein. Jugendliche kennen heute kaum zehn Berufe. Viele Vorstellungen gleichen eher Märchen als der Wirklichkeit.

ZEIT: Wie könnte Berufsorientierung in der Schule konkret aussehen?

Rauner: Man könnte das letzte Schuljahr als Übergangsjahr ausgestalten. Die Jugendlichen brauchen die Möglichkeit, Erfahrungen in einem Beruf ihrer Wahl zu sammeln, zum Beispiel zwei Tage in der Woche. Und in der Schule reflektiert man die Erfahrungen.

ZEIT: Es gibt 2,8 Millionen Studierende in Deutschland, mehr als je zuvor. Welche Rolle spielt die Bologna-Reform in der Krise der beruflichen Bildung?

Rauner: Mit der Bologna-Reform haben Deutschlands Unis ihre Identität aufgegeben. Wir erleben eine intensive Verberuflichung hochschulischer Bildung, es sind hanebüchene Micky-Maus-Berufsbilder entstanden. Es wurden Hunderte berufsqualifizierende Studiengänge erfunden, die mit hochschulischer Bildung eigentlich nichts mehr zu tun haben. Denken Sie an "Business Administration für Apotheken" oder Ähnliches. Niemand blickt mehr durch, weder was die Inhalte angeht noch den Wert der Abschlüsse für den Arbeitsmarkt.

ZEIT: Trotzdem gilt ein Studium als bester Schutz vor der Arbeitslosigkeit.

Rauner: Bis vor Kurzem vertrat die OECD die "College-for-all-Politik" – möglichst jeder sollte studieren. Dadurch hat der Anteil der Überqualifizierten stetig zugenommen. Wir haben in einigen OECD-Ländern heute über 50 Prozent unterwertig beschäftigter Hochschulabsolventen. Auch in Deutschland hat dieser Anteil zugenommen, auf über 30 Prozent. Das Argument, ein Hochschulabschluss schütze vor der Arbeitslosigkeit, ist also nur vordergründig richtig. Wir sehen auch, dass in Ländern, die dem College-for-all-Trend gefolgt sind, die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch ist.

ZEIT: Und das ist ein Argument für die berufliche Bildung?

Rauner: Ja, denn je schwächer die berufliche Bildung in einem Land, umso höher ist der Anteil der Arbeitslosigkeit. In Ländern, die kein duales Ausbildungssystem haben, liegt die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 25 Prozent und 50 Prozent.

ZEIT: Woran leidet dann das Image der Berufsbildung unter den Jugendlichen?

Rauner: In Deutschland fehlt vielen die Identifikation mit einem Beruf. Auch weil diese in der Schule nicht vermittelt wird. Berufe wie Glaser oder Fachlagerist wirken aus der Ferne nicht attraktiv.

ZEIT: Wie kann man das ändern?

Rauner: Vorbild könnte die Schweiz sein. Seit 2005 werden dort die Berufsbilder modernisiert. Sie lernen den Beruf des Kaufmanns, etwa am Beispiel des Einzelhandels. Bei uns hat man dieses Einsatzgebiet zu einem eigenen Beruf umgedeutet und eine Vielzahl spezialisierter kaufmännischer Berufe geschaffen, die kaum zu durchschauen ist. Das erschwert Identifikation. Und: Sie können in der Schweiz nur an einer Fachhochschule studieren, wenn sie eine duale Berufsausbildung absolviert haben und dazu ein berufsbezogenes Abitur. Mit einem regulären Abitur geht das nicht. Die Argumentation ist klar: Die Kompetenz der Abiturienten reicht für ein FH-Studium nicht aus.