Im Gruppenraum der Marienschule in Recklinghausen-Süd spielen an einem schwülen Sommernachmittag 25 Jungen und Mädchen. Sie heißen Soraya, Ömer, Pia, Lukas oder Ayla und wohnen in der Nachbarschaft, einem durchmischten Bezirk. Auf der einen Seite dicht bebaut, Wohnblöcke mit renovierungsbedürftigen Fassaden und viel Leerstand, auf der anderen Seite Reihenhäuser, Parks und Kleingärten. Manche der Kinder bekommen morgens Pausenbrote von Papa geschmiert und lernen abends gemeinsam mit Mama für das nächste Diktat. Andere verlassen das Haus ohne Frühstück, ihre Eltern haben nicht genug Geld für neue Schulhefte und sprechen kaum einen Satz auf Deutsch.

Dass diese Kinder an der Marienschule am Nachmittag gemeinsam spielen, dass sie noch weit nach Unterrichtsschluss betreut werden: Es wirkt wie ein eingelöstes Versprechen der Politik.

Denn es war die Ganztagsschule, die Anfang des Jahrtausends als Schlüssel zu mehr Bildungsgerechtigkeit ausgerufen wurde. Vier Milliarden Euro steckte die Bundesregierung 2003 in das große Programm zum Ausbau der Ganztagsangebote. Die erste Pisa-Studie hatte Deutschland im Jahr 2000 verheerende Ergebnisse beschert. Dabei wiesen Kinder aus sozial schlechter gestellten Familien im Vergleich zu ihren Mitschülern größere Leistungsdefizite auf. In kaum einem anderen Land war der Schulerfolg so stark an die Herkunft eines Kindes gekoppelt. Ganztagsschulen sollten das ändern.

Kinder aus einkommensschwachen und Migrantenfamilien sollten zusammen mit allen anderen Schülern zu Mittag essen, spielen und voneinander lernen, in den Genuss von Kultur, Musik und Sport kommen. Lehrer und Erzieher sollten Talente fördern, die zu Hause unentdeckt blieben. Herkunft und Leistung sollten sich nicht länger bedingen, Lese- und Rechtschreibdefizite verschwinden.

Inzwischen haben knapp 60 Prozent der Schulen in Deutschland die unterschiedlichsten Ganztagsangebote, zahlenmäßig ist das Programm ein Erfolg. Auch die Politik lobt naturgemäß ihre eigenen Anstrengungen, bezeichnet Deutschlands Ganztagsschulen etwa als "exzellente Orte für individuelle Förderung" (Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, CDU). Zuletzt spielte Schulpolitik bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen eine wichtige Rolle. Die rot-grüne Regierung, die ihre Ganztagsschulen als "bundesweit vorbildlich" pries (Schulministerin Sylvia Löhrmann, Die Grünen), wurde abgewählt.

Anders gesagt: Die Qualität der Ganztagsschulen ist heute, 14 Jahre nachdem mit ihrem Ausbau begonnen wurde, umstritten.

An der Marienschule geht Ganztag so: erst Mittagessen, dann Hausaufgaben, dann Spielen oder Sport-AG, Werk-AG, Bastel-AG. Melanie Schneider, 43, ist Erzieherin und Koordinatorin für den offenen Ganztag an der Marienschule. Unterstützung bekommt sie von drei weiteren Erzieherinnen und vier sogenannten pädagogischen Ergänzungskräften. Vier Räume stehen ihnen am Nachmittag zur Verfügung: zwei für die Hausaufgaben, zwei weitere für die Freizeitbeschäftigung. Hier gibt es Material für Bastelarbeiten, einen Tischkicker, auf dem Teppich liegen Bauklötze, an der Wand steht der Meerschweinchenstall. Dort, wo die Kinder ihre Hausaufgaben erledigten, sieht es so aus wie in jedem anderen Klassenraum auch. Tische und Stühle sind in Reihen streng zur Tafel hin ausgerichtet. Für zwei Stunden unterstützt eine Lehrerin die Kinder bei den Hausaufgaben, später sind nur noch die Erzieher als Ansprechpartner da.