Melanie Schneider erzählt, dass die Schüler früher oft nicht gewusst hätten, wie sie so manche Rechenaufgabe lösen sollten, angeblich, weil sie den Stoff dafür noch gar nicht im Unterricht bearbeitet hätten. Um einen besseren Einblick in den Stoff zu bekommen, setzt sich Schneider mittlerweile vormittags für ein paar Stunden mit in den Unterricht. Jeden Schüler einzeln fördern könne sie am Nachmittag aber immer noch nicht. "Das ist eine Betreuung. Und keine Nachhilfe. Mehr können wir nicht leisten", sagt sie.

Was in Recklinghausen oder anderswo in Deutschland unter dem Titel "Offener Ganztag" stattfindet, ist für den Bildungswissenschaftler Wilfried Bos eine billige und nicht zielführende Variante. "Chancengerechtigkeit" habe man doch allenfalls auf Wahlplakate geschrieben, sagt er. Der Ganztag erfülle heute oft bloß eine Aufbewahrungsfunktion, kritisiert der Professor am Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund. Auch der Marburger Bildungswissenschaftler Ivo Züchner ist der Meinung, dass das Versprechen nicht eingelöst werden konnte: "Dabei hätte der Ganztag Potenzial. Was die Kinder am Morgen theoretisch lernen, könnten sie am Nachmittag wunderbar praktisch umsetzen." Nur geschehe das eben nicht.

Um zu verstehen, was und warum etwas falsch läuft, muss man Melanie Schneider in das Büro von Schulleiterin Brigitte Ott folgen. "Moment", sagt die gleich zu Beginn, zieht eine Akte aus dem Schrank und beginnt zu blättern. 2004 baute die Marienschule zunächst ihre Infrastruktur für den Ganztag aus: ein alter, baufälliger Pavillon draußen auf dem Schulhof wurde für zwei Gruppenräume wieder zum Leben erweckt; es gab eine neue Mensa, Tische, Stühle, Spiele. Erst sollten 50 Schüler den offenen Ganztag besuchen, schließlich wurden es 80, heute sind es über 100. Und die Warteliste ist lang. Denn im Gegensatz zu Bundesländern wie Hamburg oder Berlin haben Eltern in Nordrhein-Westfalen keinen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz. Otts Unterlagen zeigen, dass der Ganztag die Marienschule verändert hat. Aber hat das auch ihren Schülern geholfen?

Das offene Modell, wie es die Marienschule anbietet, hat sich deutschlandweit aufgrund seiner Flexibilität durchgesetzt. Im Gegensatz zum gebundenen Ganztag können Eltern hier entscheiden, ob und an wie vielen Tagen der Woche die Kinder auch am Nachmittag in der Schule bleiben. In Hamburg etwa besuchten laut der Studie Chancenspiegel im Schuljahr 2014/15 88 Prozent aller Schüler der Primar- und Sekundarstufe I eine Ganztagsschule. Nur 32 Prozent dieser Schüler gingen in den gebundenen Ganztag. In anderen Bundesländern ist das ähnlich. Die Ganztagsschule bedient inzwischen vor allem das Bedürfnis von Eltern, Job und Familie besser vereinbaren zu können. Es geht um verlässliche, möglichst umfangreiche Betreuungszeiten. Der Druck, Plätze zu schaffen, ist inzwischen größer als der Druck, an pädagogischen Zielen festzuhalten.

Bis heute gebe es keine einheitlichen Standards, bemängelt Dirk Zorn von der Bertelsmann-Stiftung. Die hat zusammen mit der Robert-Bosch-Stiftung und der Stiftung Mercator die Studie Mehr Schule wagen herausgegeben. Zorn und seine Kollegen fordern darin, der Unterrichtsstoff am Nachmittag müsse mit Fachlehrern wiederholt werden, die Ganztagsschule 40 Stunden in der Woche geöffnet sein, die verbindlichen Zeiten ausgedehnt und eine Unterscheidung in offen und gebunden aufgehoben werden. Bislang sei der Ganztag ein "konzeptionelles Vakuum".

Unabhängig von bundes- oder landesweiten Standards sieht der Marburger Erziehungswissenschaftler Ivo Züchner die Schulen selbst in der Pflicht: "Was will ich mit dem Ganztag erreichen? Die Lesekompetenz fördern? Die soziale Kompetenz? Die kulturelle Bildung? Oder Sport in den Mittelpunkt stellen?" Wer sich bewusst dafür entscheide, Kinder aus sozial schwächeren Familien zu fördern – so wie vom Bundesministerium damals als Ziel formuliert –, der müsse auch das Personal dafür bekommen. Züchner sieht hier den Grund dafür, warum die Idee der Chancengerechtigkeit aus seiner Sicht gescheitert ist: Der offene Ganztag wird am Nachmittag von freien Trägern und nicht etwa von Lehrkräften gestaltet – so auch an der Marienschule. "Die Erzieher sehen es nicht als ihre Hauptaufgabe an, den Lernprozess vom Vormittag am Nachmittag fortzusetzen. Da geht es vielmehr um Bewegung, um Gemeinschaft, um soziale Kompetenzen", sagt Züchner. Zwischen Vor- und Nachmittag gebe es einen Bruch im Schultag. Häufig ist der einzige Austausch zwischen Lehrern und Erziehern – die Schlüsselübergabe.