Sabine Fuchs ist Mutter einer achtjährigen Tochter, die eine Grundschule im nordrhein-westfälischen Witten besucht. Für das nächste Schuljahr hat sie ihr Kind vom offenen Ganztag abgemeldet. Ihr Ärgernis: die Hausaufgaben. 45 Minuten seien dafür am Nachmittag eingeplant. Eigentlich genug. "Wenn ich sie von der Schule abhole, müssen wir aber vieles nacharbeiten. In der Schule ist es zu laut und zu eng. Da wird sie zu schnell abgelenkt." Wenn sie sowieso zu Hause mit ihrer Tochter die Hausaufgaben erledigen müsse, dann doch gleich vernünftig und in Ruhe, sagt Fuchs. Da sie nur an einem Tag in der Woche auch nachmittags arbeitet, ist sie im Gegensatz zu anderen Eltern nicht auf den Ganztag angewiesen. Doch nicht jedes Kind kann diesen Luxus genießen.

Wer die Hausaufgaben in der Ganztagsschule erledigen muss, stößt laut Bildungsforscher Wilfried Bos auf ein nicht angemessen qualifiziertes Personal. Als Beispiel nennt er gern die arbeitslose, ungelernte Floristin, die in der Schule einen Job finde. Aber kann das wirklich sein? Müssen die "pädagogischen Ergänzungskräfte", wie sie an der Marienschule heißen, gar keine pädagogischen Kenntnisse vorweisen? "Na ja, Hauptsache, sie haben keine Vorstrafen", sagt Ganztagskoordinatorin Melanie Schneider etwas verlegen. "Im Ernst: Ich bin froh, überhaupt Leute zu haben." Der Erziehermarkt sei so gut wie leer gefegt, eine Ausbildung könne sie daher nicht erwarten. Also prüft die 43-Jährige beim Probearbeiten lediglich, ob die Bewerber einen "guten Draht zu den Schülern" herstellen können.

Der Wunsch der Schulen und Erziehungswissenschaftler nach besser ausgebildeten Mitarbeitern ist für die Kommunen jedoch häufig gar nicht zu bezahlen. Der Bund hat von 2003 an zwar vier Milliarden Euro in die Infrastruktur des Ganztags investiert, für Personal und Materialien jedoch sind weiterhin die Länder verantwortlich. In Nordrhein-Westfalen etwa gibt es drei Geldquellen für den Ganztag: Das Land finanziert aktuell pro Schuljahr 766 Euro pro Kind sowie 0,2 zusätzliche Lehrerstellen pro Schule, die Kommune muss mindestens 448 Euro pro Kind zahlen, und schließlich gibt es einen Elternbeitrag, dessen Höhe vom Einkommen abhängt.

In finanzschwachen Kommunen und Brennpunkten in Deutschland funktioniert dieses System nicht: Im Gegensatz zu reichen Kommunen können hier weder die Behörden noch die Eltern besonders viel Geld für den Ganztag aufbringen. Weniger Personal, weniger Förderung, weniger Chancengerechtigkeit. Das trifft am Ende die Schüler, die die Förderung am dringendsten brauchten.

So auch an der Marienschule. In Recklinghausen-Süd ist die Arbeitslosenquote höher als im Rest der Stadt, mehr Menschen leben von Hartz IV. Auch die Zahl der Alleinerziehenden ist hoch. Und so sitzt Schulleiterin Brigitte Ott heute ein wenig desillusioniert da, wenn sie noch einmal Zeile für Zeile ihre Ideen für den Ganztag durchliest. "Wir hatten uns so viel vorgenommen. Aber das konnten wir gar nicht schaffen", sagt sie. Ihre Wünsche damals: Die Marienschule für Künstler, Musiker, Schachtrainer zu öffnen. Ins Museum gehen, in die Bücherei, den Schülern Kultur ermöglichen, die eigene Stadt kennenlernen. Übrig geblieben sind drei AGs, zwei Meerschweinchen und die Hausaufgabenbetreuung.

War es das mit der Hoffnung auf mehr Förderung für die schwächeren Kinder? Nach Ansicht der Bildungsforscher könne nur der gebundene Ganztag die Lösung bringen. Verpflichtend für alle Schüler, ein sinnvoll rhythmisierter Unterrichtstag mit Entspannungs- und Konzentrationsphasen, keine Trennung von Vor- und Nachmittag mehr. Mit einer Finanzierung, die losgelöst von Einkommen und Finanzkraft der Eltern funktioniert. Ein Idealbild der Wissenschaft – abhängig vom politischen Willen, dem der Lehrer und Eltern.

An der Marienschule in Recklinghausen sind Brigitte Ott und Melanie Schneider zu Realisten geworden. Sie wissen, dass der Ganztag hier nicht genügt, um große Leistungssprünge zu vollbringen. Aber sie können den Kindern aus sozial schwächeren Elternhäusern geben, was sie mindestens genauso sehr brauchen: eine Tagesstruktur, Grenzen, Regeln, ein warmes Essen. Und das Gefühl: Schule ist wichtig.