Sie ist 31 Jahre alt, Journalistin, Verlegerin eines jungen Literaturmagazins und ganz nebenbei die Tochter eines Schriftstellers mit dem nicht ganz unbekannten Namen Hans Magnus Enzensberger. Jetzt hat Theresia Enzensberger ihren Debütroman verfasst, der als Emanzipationsversuch gelesen werden könnte und tatsächlich jeden weiteren Vergleich zwischen Apfel und Stamm verbietet. Dafür ist der Sound ihres Erstlings Blaupause zu klar, zu lakonisch, zu eigensinnig. Epigonentum ist ohnehin kein Mittel zum Erfolg, das lehrt dieses Buch auf jeder Ebene.

Der Roman erzählt den frühen Lebensweg von Luise Schilling, einer jungen Frau, die sich 1921 an der Bauhaus-Kunstschule von Walter Gropius einschreibt, um Architektur zu studieren. Deshalb hat sie sich aus den Zwängen der Berliner Großindustriellenfamilie befreit, deshalb ist sie nach Weimar gezogen. Doch schnell muss sie sich mit den Geschlechterdifferenzen der Zwischenkriegszeit konfrontieren: Anstatt über neues Wohnen nachzudenken, wird sie in die Textilwerkstatt verbannt. Eine Skulptur, die Luise für einen Projekttag anfertigen soll, wird von ihrem Professor Johannes Itten herabgewürdigt und mit den Worten verspottet: "Keine Sorge, Luise, die meisten Frauen haben Defizite im dreidimensionalen Sehen. Das hat nichts mit dir zu tun."

Schon im ersten Viertel des Buches sind also die Konfliktzonen klar abgesteckt. Der Kampf einer jungen Intellektuellen um Anerkennung und Erfolg wird allerdings nicht platt durchdekliniert und mit banalen Klischees unterfüttert, die einem heutigen Beobachter reflexhaft einfielen – Emanze gegen Macho, Studentin gegen patriarchalisches System –, sondern mit einem Sinn für Zwischentöne, Übergänge und Grauzonen inszeniert. Schon allein, dass das genuin emanzipatorische Umfeld der Bauhaus-Schule als Spiegel des Geschlechterkonflikts dient, ist hintergründig, weil es daran erinnert, dass die Mechanismen der Ungleichheit manchmal dort am schlimmsten wüten, wo man sie am wenigsten erwartet.

In diesem Fall ausgerechnet im Milieu der Bauhaus-Avantgarde um Walter Gropius, Wassily Kandinsky, Paul Klee und Johannes Itten, die auf dem einen Feld für ästhetische Revolutionen kämpften und auf dem anderen blind genug waren, Nepotismus, Sexismus und Ungleichheit zu fördern. Wie schon Ulrike Müller in ihrer Studie Bauhaus-Frauen gezeigt hat, mussten weibliche Studenten weit mehr leisten als ihre männlichen Kollegen. Zudem waren sie in den Aufgabenbereichen der Schule, in der Kunst und Handwerk zusammenfallen sollten, zumeist für das Handwerk zuständig und weit weniger für die Kunst. Auch ihr Nachruhm blieb aus. Wer kennt schon Namen wie Ilse Fehling oder Alma Siedhoff-Buscher? Ausgerechnet im Prisma des Historischen zeigt sich die Aktualität des akademischen Selbstwiderspruchs und seiner verlogenen Gerechtigkeitslogik. Man könnte ihn auf heute übertragen und nachweisen: Eine Gender-Studies-Fakultät muss nicht fairer gegliedert sein als eine Burschenschaft, die Verwaltung einer Umweltorganisation nicht emanzipierter sein als die Chefetage einer Wurstfabrik.

Es gibt noch weitere Gründe, warum Enzensbergers Erzählwelt fesselt. Das hat vor allem mit dem Charakter der Protagonistin zu tun. Luise wirkt in ihrem unstillbaren Wunsch nach Zugehörigkeit durchweg menschlich und sympathisch. Sie ist nicht emanzipiert um der Emanzipation willen, sondern weil sie Bestandteil einer Gemeinschaft sein will. Anders gesagt: Sie sucht den Zugang zum akademischen Feld nicht durch Aggression, sondern durch Inklusion. Daher ihr widersprüchliches Handeln: Sie verliebt sich in den machohaftesten aller Studenten, den Schönling Jakob. Sie will ausgerechnet die Anerkennung von jenem Professor, der sie verspottet. Sie buhlt um die Gunst jener Mitstudenten, die sie belächeln. Es scheint fast so zu sein, dass Luise Opfer eines Stockholm-Syndroms wird, das erst implodiert, wenn die Fäuste fliegen.

Der Roman braucht ein wenig Zeit, um seinen inneren Kern zu entblößen. Das langsame Herantasten kann man unverhältnismäßig finden. Tatsächlich fragt man sich bis zur Hälfte des Romans, was hier eigentlich erzählt werden soll: Die unerfüllte Liebe zwischen Luise und dem Draufgänger Jakob? Die Beziehung zum zwielichtigen Professor Itten? Der Konflikt mit der Familie? Oder vielleicht doch der Rechtsruck der Weimarer Republik zwischen Luises erstem Aufenthalt in Weimar und der Wiederaufnahme ihres Studiums 1926 in Dessau? Nach und nach stellt sich heraus, dass das langsame Erzählen eine notwendige Strategie ist, um die Atmosphäre der inzestuösen Bauhaus-Welt zu verdichten. Am Ende versteht man umso mehr, worum es Enzensberger geht: um die Dialektik zwischen Macht und Anerkennung, die betörende und zugleich beklemmende Enge von kollektiver Identität.

Besonders bestechend ist die Akkuratesse, mit der Enzensberger die Weimarer Republik beschreibt. Neben dem Geschlechterkonflikt vibriert die politische Instabilität der Zwischenkriegszeit in den charakterlichen Nuancen. Die Ideologien sind so fließend wie dehnbar: Da kann ein Amerika-Enthusiast wie der junge Herrmann, Luises späterer Freund, plötzlich Sympathien für die Nationalsozialisten entwickeln oder ein Kommunist verschwörerische Tendenzen offenbaren. Die Weimarer Republik erscheint als Dampfkessel von unentwirrbaren Strömungen und Ideen, die nicht punktuell identifizierbar sind, sondern wie ein Gartenbeet wirken, wo das Unkraut ganz nah neben der Lilie wächst. Dass man nicht immer weiß, wie gesellschaftliche Gewalt entsteht, welchen Verlauf sie nimmt und warum sie manchmal aus einer Richtung kommt, die man gar nicht erwartet, genau daran erinnert dieser hochintelligente Roman. Im Kern ist er ein Appell an die Gegenwart. Er fordert den Leser heraus, die Gefahren für eine gleichberechtigte, demokratische Gesellschaft nicht nur an deren Rändern zu identifizieren, sondern in den Widersprüchen ihrer Mitte. Diese Erkenntnis mag offensichtlich sein. Und doch ist sie aktueller denn je.

Theresia Enzensberger: Blaupause. Hanser Verlag, München 2017; 256 S., 22,– €