Deutsche Kabarettisten haben dem BER viel zu verdanken. Es sind schon derart viele Gags über den nicht fertig werdenden Flughafen gemacht worden, dass die österreichische Zeitung Der Standard vor einigen Monaten schrieb: "Unter den vielen Problemen, die der Berliner Pannenflughafen BER schon hervorgebracht hat, wird eines viel zu gering geschätzt: Es gibt praktisch keine neuen Witze mehr."

Flughafen BER

Lage des Geländes der Flughafenbaustelle

Das Interessante ist, dass im Zentrum des Spotts stets Berlin steht. Als sei der BER nur ein Berliner Problem. Dabei gehört er drei verschiedenen Körperschaften: neben Berlin und dem Bund auch noch Brandenburg. Dort, in der Gemeinde Schönefeld, wird der Airport gebaut. Trotzdem schafft es das Land, den Eindruck zu erwecken, lediglich Leidtragender der Berliner Unfähigkeit zu sein.

"Brandenburg hat es geschickt verstanden, sich in eine Opferrolle zu begeben", sagt Christoph Schulze, der jahrelang SPD-Landtagsabgeordneter war, bis er 2011 aus der Fraktion austrat – wegen des Missmanagements am Flughafen. Heute ist er dessen größter Kritiker. Schulze hat 2014 wieder ein Direktmandat im Landtag geholt, jetzt als Vertreter der Freien Wähler. "Die Landesregierung", sagt Schulze, "hat alle Fehlentscheidungen am BER mitgetragen." Die erste große Fehlentscheidung sei die Standortwahl gewesen. Die Gemeinde Schönefeld liegt zwar besonders nah an Berlin, was den Hauptstädtern wichtig war, allerdings in einer so urbanen Gegend, dass viele Anwohner von Fluglärm betroffen sein werden. Brandenburgs Landesregierung wusste das, warnte – und verhinderte nichts. Schon heute spekulieren viele über Mega-Staus, die es geben werde, wenn der Flughafen erst eröffnet sei. Hartmut Mehdorn, einst selbst BER-Chef, sagte kürzlich der Berliner Morgenpost: "Wenn Angela Merkel mit der Limousine nach Schönefeld fährt, wird sie ein richtiges Verkehrsproblem bekommen."

Die zweite Fehlentscheidung fiel 2003: Damals wurde beschlossen, nicht ein Unternehmen mit dem Bau zu beauftragen, sondern viele kleine. So, dachte man in Brandenburg, könnten Firmen aus dem Umland vom Megaprojekt profitieren. Das Problem ist nur: Es mischen so viele mit, dass es sogar dem Flughafen-Chef schwerfällt, den Überblick zu bewahren. Bisweilen passt auf eine Schraube keine Mutter.

Überhaupt: die Flughafen-Chefs! Am BER werden Führungspersönlichkeiten häufiger ausgetauscht als Trainer in der dritten Liga. Im März war es wieder so weit: Der Regierende Bürgermeister in Berlin, Michael Müller (SPD), wollte den damaligen BER-Chef Karsten Mühlenfeld loswerden. Brandenburgs Landesregierung hielt das für eine schlechte Idee und wehrte sich – für ein paar Tage. Dann wurde Mühlenfeld doch entlassen. Der Vorwurf, den Oppositionspolitiker wie Brandenburgs CDU-Chef Ingo Senftleben erheben: "Brandenburg gibt immerzu klein bei." Es erkenne Probleme zwar, aber habe sich viel zu selten mit Einwänden durchgesetzt.

Es ist nicht so, dass Brandenburgs Zuständige zu all diesen Problemen schweigen würden. Man kann zum Beispiel ganz unkompliziert mit Rainer Bretschneider ins Gespräch kommen. Der ist als Staatssekretär der Flughafenkoordinator der Brandenburger Staatskanzlei und sitzt für sein Bundesland seit Jahren im BER-Aufsichtsrat; seit einigen Monaten ist er sogar dessen Chef. "Natürlich sind in der Vergangenheit eine ganze Menge Fehler gemacht worden, an denen wir heute noch leiden", sagt er. Über diese im Detail zu sprechen, sei im Grunde "vergossene Milch".

Hat er eine Erklärung dafür, dass in der Öffentlichkeit vor allem Berlin für das BER-Versagen verantwortlich gemacht wird? "Fakt ist, dass der Flughafen viele Jahre lang von Spitzenpolitikern aus Berlin repräsentiert worden ist, die ihn zur Chefsache erklärten, sich in guten Zeiten damit schmückten", sagt Bretschneider. Aber natürlich sei der BER: "ein Gemeinschaftsprojekt". Und übrigens: Der Ministerpräsident sei bestens informiert, wenn es um dieses Thema gehe. "Mein Büro in der Staatskanzlei liegt 25 Meter von seinem entfernt, wir reden sehr häufig."

Regierungschef Dietmar Woidke bedient sich gern eines Vergleichs, wenn es um den BER geht: Manchmal habe er das Gefühl, man arbeite an der Mondlandung. Nur: Von der Ankündigung des Mond-Projekts bis zur Landung vergingen sieben Jahre. Am BER wird nun seit elf Jahren gebaut.