Die Republik hatte zwischen 1918 und 1933 nicht erreicht, als langfristiges Zukunftsprojekt wahrgenommen zu werden. Sie blieb ein Zwischenösterreich – nicht mehr das Österreich von gestern, aber irgendwie ratlos auf dem Weg in ein höchst umstrittenes Morgen. Die Republik war voll von Zukunftsprojekten, voll von hehren, auch quasireligiös bestimmten Glaubenssätzen. Aber keines dieser Projekte war allen Lagern gemeinsam. Die Ziele, die in höchst unterschiedlicher, nur zu oft einander extrem widersprechender Form und nötigenfalls unter Verletzung der Normen der Republik erreicht werden sollten – die wurden nicht erreicht, konnten auch im Rahmen der Republik gar nicht erreicht werden. Die Republik enttäuschte, ja sie musste diejenigen enttäuschen, die sich von ihr die Verwirklichung visionärer Ideen erwartet hatten. Die Republik enttäuschte, weil die für "Ideologien" Verantwortlichen nicht Realitäten, weil sie Illusionen produzierten.

Die universellen Menschenrechte waren am Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der US-amerikanischen und der Französischen Revolution verkündet worden. Sie standen im scharfen Widerspruch zu einer gesellschaftlichen Realität, die durch die prinzipielle Ungleichbehandlung der Geschlechter, durch Sklaverei und einen gegen indigene Völker gerichteten Rassismus gekennzeichnet waren. Dieser Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit erzeugte aber eine Spannung, die sich in einer allmählichen Annäherung der Realität an die universellen Normen niederschlug. In Österreich hatte die Aufklärung sich vor allem mit den Methoden des Absolutismus ("Josefinismus") durchgesetzt, der den Fortschritt von oben gewährte, dem aber das Postulat der Gleichheit aller Menschen prinzipiell fremd war. In Österreich fehlten die Erfahrungen mit einer erfolgreichen Revolution. Und dieses Defizit konnte auch nicht mit dem semantischen Trick der Sozialdemokratie beseitigt werden, die Ereignisse des November 1918 "Revolution" zu nennen.

Das war auch ein Geburtsdefizit der Republik: Ihr fehlte ein in die Zeit der früheren Neuzeit zurückreichender, grundsätzlich anerkannter Anspruch auf das, was die sich entwickelnde Demokratie des 19. und 20. Jahrhunderts ausmachte: ein Normengerüst, das allgemein als verbindlich angesehen wurde; eine inhaltliche Grundnorm, die nicht umstritten war; eine ethische Basis, die nicht aus-, die vielmehr einschloss. Daher war die Berufung auf Grundsätze in der Republik Österreich immer eine Berufung auf etwas, was trennte – und nichts, was verband. Die Republik war ein Aufbruch von einem Gestern – ohne eine Gemeinsamkeiten begründende Vorstellung von einem Morgen.

Das Morgen, das so viele erträumten, für das so viele zu kämpfen bereit waren, das war diese Republik ganz offensichtlich nicht. Dieses Morgen war für die einen das eine – und für die anderen ganz etwas anderes. Die Zukunft, die schien immer auch bestimmt vom großen Deutschen Reich hinter den Wolken, das zunächst noch nicht das Gesicht des mörderischen Auslandsösterreichers trug; oder von der Weltrevolution, die sich in Moskau zu formieren schien – und der auch die Sozialdemokratie, etwa ausgedrückt in Otto Bauers Formel vom "integralen Sozialismus", entscheidendes Zukunftspotenzial zuschrieb; oder von einem Österreich, das sich in die von Leo XIII. und Pius XI. propagierten Formeln einer berufsständischen Ordnung einordnen ließ, einer Ordnung, deren Konturen zwar höchst vage blieben, die aber ganz eindeutig nicht die Züge der demokratischen Republik mit ihrem Mehrparteiensystem und ihren parlamentarischen Prozessen trug. Die Republik blieb gerade für politisch Engagierte, für politisch besonders Interessierte bestenfalls eine notgedrungen in Kauf zu nehmende Zwischenstufe, ein Provisorium, das zu überschreiten oder auch ganz einfach wegzuräumen wäre, sobald sich die Gelegenheit dazu ergeben sollte.

Die politische Welt von gestern, wie sie Stefan Zweig beschrieb, war bereits von einer Mentalität geprägt gewesen, die einem liberalen Großbürger wie Zweig offenbar nicht so deutlich war: von der Welt der segmentierten Loyalitäten, der Welt der politischen Kulturen der Lager. Die "Lagermentalität" war das wichtigste Erbe, das die Republik aus der politischen Kultur der Monarchie mitgenommen hatte. Vor 1918, im Kaiserreich, war die Identität der Menschen von zwei Faktoren bestimmt – von der Nationalität, also von der Sprachgruppe, und von der politisch-weltanschaulichen Heimat, von der die meisten geprägt und umfangen waren. Die meisten sahen sich primär als Deutsche oder Tschechen oder Italiener oder Polen oder Slowenen – und ebenso, bestimmt von der Wahrnehmung ihres gesellschaftlichen Status, als Sozialisten oder Katholiken oder auch als "national". Und viele blieben für ihre Umwelt "Juden" – ob sie das wollten oder nicht.

Die Republik, die gab es eigentlich nicht – nicht als ein gemeinsames Band, das in den Vorstellungen ihrer Bürgerinnen und Bürger Grundlage und Rahmen offener, den Prinzipien der Demokratie entsprechender Prozesse gewesen wäre. Die Sozialdemokratie verstand sich, grundsätzlich zu Recht, als die eigentliche, ja die einzige Stütze der Republik. Aber sie sah sich in dieser Rolle alleingelassen. Das Republikdenkmal in Wien trägt nur die Büsten und Namen der drei sozialdemokratischen Gründungsväter – Viktor Adler, Jakob Reumann und Ferdinand Hanusch –, aber keinen Namen, keine Büste eines der anderen, der nicht sozialdemokratischen Gründungsväter. Eben deshalb wurde die Republik auch als der Besitz des einen Lagers wahrgenommen. Die anderen machten der Sozialdemokratie diesen Besitz der Republik auch gar nicht streitig. Die anderen wollten diese Republik überwinden. Die Republik verband nicht – sie trennte.

Die Republik, einstimmig von den Vertretern aller drei Lager gegründet, wurde nicht als eine gemeinsame, sie wurde als sozialdemokratische Errungenschaft wahrgenommen. Und die Republik, deren Gründung man in Wien mit der Erinnerung an drei – nur – sozialdemokratische Gründer gedachte, zeigte sich in einer für die Geschichte dieses Zwischenösterreich typischen Verkürzung. Der erste Satz Artikel 1 des Bundes-Verfassungsgesetzes lautete ja: "Österreich ist eine demokratische Republik." Dem Republikdenkmal fehlte (und fehlt noch immer) ein Bezug zu den anderen Qualitätsmerkmalen, die die republikanische Verfassung beanspruchte: zu Österreich und zur Demokratie. Der Republik und deren Gründung wurde gedacht, jedenfalls vonseiten der Sozialdemokratie. Demokratie, das war aber offenkundig sekundär, jedenfalls kein Begriff, der mobilisierte – auch nicht gegeneinander. Und Österreich?

Was der Österreich-Bezug der republikanischen Verfassung zu bedeuten hätte, das wurde – wie in diesem Republikdenkmal auf der Wiener Ringstraße neben dem Gebäude des Parlaments – nicht wirklich thematisiert.

Republik, das hieß, dass der Kaiser abgedankt hatte, dass Österreich keine Monarchie mehr war. Viel mehr bedeutete Republik nicht. Österreich, das war der deutschsprachige Rest der Monarchie, dem der Anschluss an die deutsche Republik untersagt worden war. Und Demokratie? Wer wollte, konnte das Demokratieverständnis der Republik sehr wohl aus der Verfassung herauslesen. Das Recht der Republik "ging vom Volk" aus. Aber das Volk? Sicherlich, die Erweiterung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes auf Frauen hatte die am stärksten ins Auge springende begriffliche Verengung des Volkes beseitigt – Volk verstanden als die Summe der politisch Berechtigten. Aber gab es eine ethnische Dimension des Volkes? Die wurde nicht ausgesprochen, sehr wohl aber immer mitgedacht. Als 1920 in Unterkärnten eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit dieser Region zu Österreich oder Jugoslawien stattfand, da hießen die Kampfrufe "deutsch" oder "slowenisch". Um Österreich schien es da kaum zu gehen. Und die ab 1930 immer stärker in nationalsozialistisches Fahrwasser geratende Anschlussbewegung stellte zunehmend "deutsch" in einen Gegensatz zu "jüdisch". Das Alltagsverständnis von "Volk" war, durchaus in Übereinstimmung mit der nun aus Deutschland kommenden Propaganda und der in Deutschland seit 1935 geltenden Gesetzeslage (Nürnberger Gesetze), bei einem gegen "das Judentum" gerichteten Rassismus angelangt.

Anton Pelinka: Die gescheiterte Republik.
Böhlau Verlag, Wien/Köln/ Weimar 2017; 334 S., 29,99 €