Nicht Luther, nicht Bach begegnet man in der Eisenacher Goldschmiedestraße. Die Kanzlerin ziert eine Hauswand, orientalisch vermummt: MISS GERMANY 2020. Daneben prangt Eisenachs weltberühmtes Kastell, dessen Turmkreuz einem Halbmond wich: WARTBURKA. 500 JAHRE REFORMATION – TOLERANZWAHN MIT BÖSEM ERWACHEN.

Passanten eilen vorüber. Wie finden Sie das?

Totaler Blödsinn. Kniese. Der Burschenschaftler – wir werden ihn noch kennenlernen.

Auf der Parkbank bei der klassizistischen Wandelhalle sitzen zwei adrette junge Männer. Flüchtlinge sind sie, aus der afghanischen Provinz Nangarhar. Der eine geht hier zur Schule, der andere verpackt Hühnerfleisch. Eisenach sehr schöne Stadt, sehr freundliche Menschen, 90 Prozent.

Boulevard Karlstraße. Sensationelle Bratwurst, internationales Gewimmel. Vor dem Café ergötzen sich Rentner an einem Smartphone-Film: Muslime beim Gebet. Unfassbar, fünfmal machen die das jeden Tag. Die Faultiere fressen uns de Haare vom Kopp. Weeßte, was die da singen? Danke, Allah, dassde uns zu den bekloppten Deutschen geschickt hast. Biddeschön, sagt Allah. Zehn Millionen seid ihr schon, nach der Machtübernahme könnt ihr mit den Deutschen tun, was ihr wollt.

Was bewegt die klassische Provinz im Wahljahr 2017? Eisenach, 43.000 Einwohner, ist Deutschlands Symbolstadt, überfüllt mit Geschichte. Hier wurde im 13. Jahrhundert die Thüringer Landgräfin Elisabeth zur Ahnmutter der Sozialfürsorge. Luther ging in der "lieben Stadt" zur Schule, Johann Sebastian Bach kam 1685 in Eisenach zur Welt. 1817 forderten 500 Studenten auf der Wartburg "Ehre, Freiheit, Vaterland", verbrannten missfällige Literatur und begründeten die Burschenschaften. 1869 wurde Eisenach zum Bethlehem der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands. 1896 schuf Heinrich Ehrhardt den Automobilbau-Standort, der bis 1945 auch der Rüstung diente.

Danach lag die Stadt bis 1989 am Weltende, im Grenzzipfel der DDR. Am 27. Januar 1990 huldigten 30.000 Eisenacher Willy Brandt, doch bei den Wahlen triumphierte der Heiland Helmut Kohl. Der CDU-Sieg stürzte den neuen Bürgermeister in ein ruinöses Glück. Hans-Peter Brodhun, Arbeitersohn und Biologe, rieb sich ein Jahrzehnt lang auf. Die Treuhand schloss das Automobilwerk (AWE). 10.000 Arbeitsplätze verschwanden. Immerhin kam 1990 Opel und baute ein Montagewerk. Es beschäftigt derzeit 2.000 Eisenacher – noch. Was wird, wenn das Elektroauto kommt?