Beinahe wäre alles an der Logistik gescheitert. Denn wenn es stimmen sollte, was die Ermittler seit fast einem Jahr zu wissen glaubten, wo sollten nur mehrere Tausend beschlagnahmte Fahrräder hin?

Hauptkommissar Frank Fürst blättert in einer kleinen Kladde, in die er damals alles notiert hatte, Adressen, Ansprechpartner, Telefonnummern. "Hier", sagt er und tippt auf eine der Seiten, "da hatten wir schon mal eine Halle." Aber die war nicht sicher genug. "Die Polizei muss ja dafür sorgen, dass die Räder nicht gleich wieder gestohlen werden." Er blättert weiter: diese Halle zu klein, jene zu teuer.

Frank Fürst ist Chef der LKA-Sondereinheit "Arbeitsrate Fahrrad". Seit dem Frühjahr 2016 soll er mit vier Kollegen die seit Jahren steigende Zahl der Fahrraddiebstähle senken. Das heißt für die Spezialisten vor allem: die Hintermänner finden, jene, die das große Geld mit dem Fahrraddiebstahl verdienen. Vor wenigen Monaten gelang den Beamten ein spektakulärer Coup: 1.700 geklaute Räder konnten sie in einer Lagerhalle beschlagnahmen. Der ZEIT erzählt Fürst erstmals, wie schwer der Weg zu diesem Erfolg war.

Diebstahl

Entwicklung der Fallzahlen in Hamburg

© ZEIT-Grafik

Fürst, 51 Jahre alt, seit 25 Jahren Polizist, war schon während seiner ersten Einweisung in die Materie vor mehr als einem Jahr klar, dass sich seine Arbeit in den folgenden Monaten auf einen bestimmten Ort konzentrieren würde: auf ein Gelände in der Billstraße in Rothenburgsort, einem Gewerbegebiet an der Norderelbe. "Was die zuständigen Kollegen damals erzählten, das war der Wahnsinn."

Das Geschäft mit dem Fahrraddiebstahl funktioniert so: Diebe bringen ihre Beute zu Hehlern, sie bekommen pro Rad selten mehr als 50 Euro. Der Hehler verkauft das Rad mitunter für 300 Euro an einen Händler weiter, der es im Ausland wiederum für das Doppelte verkaufen kann. Die meisten geklauten Räder werden nicht auf Flohmärkten oder im Internet verscherbelt. Sie werden von gut organisierten Banden in Kleintransporter verladen und vornehmlich nach Süd- und Osteuropa gebracht. Weniger wertvolle Fahrräder werden auch containerweise von Hamburg aus nach Afrika verschifft.

Die Hintermänner zu erwischen ist schwierig. Die Ermittler müssen beweisen, dass die Firmenbetreiber gestohlene Fahrräder kaufen und verkaufen. Dazu müssen die Beamten zunächst sicher zeigen, dass ein Fahrrad gestohlen ist. Über die meisten Fahrräder wissen die Beamten allerdings fast nichts. Und selbst ein nachweislich gestohlenes Fahrrad könnten die Händler womöglich guten Glaubens auf Flohmärkten gekauft haben.

"Wir brauchten was an der Hand, wir brauchten konkrete Hinweise", sagt Fürst. Das hieß am Beginn der Ermittlungen: Erst, wenn es gelänge, den Weg eines gestohlenen Rads nachzuzeichnen, hätten die Ermittler einen ausreichenden Tatverdacht, um Durchsuchungsbeschlüsse zu beantragen. Sie benötigten also einerseits einen Dieb, der ein Fahrrad in der Billstraße verkauft. Anderseits den Käufer eines geklauten Fahrrads, der aussagt, dieses in der Billstraße erworben zu haben. Frank Fürst ließ sich also jede Akte, jede Zeugenaussage, jedes Verhörprotokoll schicken, in dem die Worte Fahrrad und Billstraße auftauchten. Oft waren es vage Berichte oder Beobachtungen:

Ein Mann, nicht näher beschrieben, ging mit einem grünen Fahrrad auf ein Firmengelände in der Billstraße, kam ohne Rad wieder raus. Vielleicht war das Rad aber auch braun oder blau, da war der Zeuge nicht sicher.

Ein anderes Mal wurden gestohlene Räder im Hamburger Norden sichergestellt, und der Beschuldigte gab an, diese in der Billstraße gekauft zu haben. Die Hausnummer wusste er aber nicht mehr.

Einem anderen Mann, den die Ermittler im Gewerbegebiet beobachtet hatten, konnten sie später nicht nachweisen, dass die Fahrräder, die er mit sich führte, geklaut waren.

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Nach und nach verdichteten sich die Hinweise, doch die endgültigen Beweise auf konkrete Hintermänner und Firmenadressen fehlten. "Ich habe mir das ursprünglich alles etwas schneller vorgestellt", sagt Frank Fürst heute, "Ende des Sommers wollte ich da eigentlich einfliegen."

Der Sommer verging. Immer wieder beobachtete das Ermittlerteam Lieferwagen in der Billstraße, viele mit osteuropäischem Kennzeichen. Eine Spur führte sie in die litauische Hafenstadt Klaipėda. Die dortige Polizei fand 60 mutmaßlich gestohlene Räder, teilweise welche, nach denen in Hamburg gefahndet wird. Doch am Ende war es wieder eine Enttäuschung: Der Lieferwagenfahrer bestritt, die Räder in der Billstraße gekauft zu haben, das Gegenteil konnten ihm die Ermittler nicht nachweisen.