Saisonauftakt, Abendspiel, Flutlicht, Stadion voll, die Fans der Heimmannschaft sind ruhig, sehr ruhig, weil der Gast aus Hamburg dominiert. Er spielt eine überragende erste Halbzeit, geht in Führung, doch am Ende bringt es nichts. Mit 1 : 2 verliert der FC St. Pauli beim VfB Stuttgart, das Siegtor fällt kurz vor Schluss, in der 87. Minute. Es war der Auftakt zur vergangenen Saison. Auftakt vergeigt = Saison vergeigt. Fast wäre der FC St. Pauli abgestiegen.

Nach der Sommerpause ging es jetzt ähnlich los. Saisonauftakt beim VfL Bochum, Abendspiel, Stadion voll, die Fans ruhig, sehr ruhig, weil der FC St. Pauli eine überragende erste Halbzeit spielt. Er geht in Führung, schwächelt dann aber. Bochum rennt an, erarbeitet sich Chancen. Der Unterschied: Diesmal hält die Abwehr. Mit 1 : 0 gewinnen die Kicker vom Kiez das Spiel.

Auftakt gelungen = Saison gelungen. Ist das die Gleichung dieser Spielzeit?

Das wünschen sich Verantwortliche, Spieler, Fans. Der Wunsch ist realistisch. Denn der Verein hat in den vergangenen Wochen und Monaten einige Entscheidungen getroffen, die im Profi-Fußball ungewöhnlich sind, letztlich aber Erfolg versprechen.

Erstens die Trainer-Frage: Wie schafft man es, einen extrem beliebten Coach, der mit einem Mal extremen Misserfolg hat, nicht zu feuern oder anderweitig zu diskreditieren und dennoch einen Wandel einzuleiten? Der FC St. Pauli hat auf diese Frage eine Antwort gefunden, die in den Bundesligen bislang selten ausprobiert worden ist, aber verblüffend erfolgreich war.

Der Verein hat Ewald Lienen trotz katastrophaler Hinrunde nicht entlassen, sondern ihm einen starken Co-Trainer an die Seite gestellt. So stark war dieser Co-Trainer, dass er zusammen mit Lienen den Verein in der Liga hielt und im Sommer zum stärksten Mann an der Seitenlinie befördert wurde.

Olaf Janßen ist jetzt Chef-Coach, Ewald Lienen bleibt im Verein, arbeitet als technischer Direktor, und der Übergang scheint – darauf deutet alles hin – reibungslos abgelaufen zu sein. Diese Weiterentwicklung in der Kontinuität war riskant. Nun, da sie geglückt ist, kann der Verein, der so gerne sein alternatives Image pflegt, stolz verkünden, einen alternativen Weg gefunden zu haben.

Zweitens die Sportdirektor-Frage: Der einzige Mann aus der Führungsriege, der während des Absturzes im vergangenen Herbst gehen musste, war Sportchef Thomas Meggle. Geschäftsführer Andreas Rettig übernahm den Job, sorgte mit einigen Wintertransfers mit für den Aufschwung und verkündete schnell, dass für die neue Saison ein neuer Manager gesucht werden würde. Dann verging einige Zeit, im Verein blieb man ruhig.

Die Geduld, die sich schon bei der Trainer-Entscheidung ausgezahlt hatte, war auch diesmal entscheidend. Denn Anfang Juni verkündete Uwe Stöver, er werde seinen Job als Sportdirektor beim 1. FC Kaiserslautern aufgeben. Präsident Oke Göttlich und Andreas Rettig kontaktierten ihn schnell, verhandelten und holten mit ihm einen der besten Kenner der Zweiten Liga nach Hamburg.

Drittens die Spieler-Frage: Der neue Sportdirektor kommt zum 1. Oktober, was mindestens problematisch ist, denn was soll ein Sportdirektor noch bewirken, wenn der Kader schon komplett ist? Er kann sich in Ruhe einarbeiten, auf mögliche Transfers in der Winterpause und im nächsten Sommer vorbereiten. Den Job für diese Saison hat Andreas Rettig bereits erledigt. Er hat die Mannschaft, die Ende der vergangenen Saison ihre Bestform erreichte, noch gezielt verstärkt. Hat mit Sami Allagui einen Erstliga-erfahrenen Stürmer geholt, hat den norwegischen Nationalspieler Mats Möller Daehli für die kommende Saison ausgeliehen, den Kader um einige Talente erweitert und im Gegensatz zur vergangenen Saison mit Innenverteidiger Sören Gonther nur einen wichtigen Spieler abgegeben.

Es kann also etwas werden mit dem FC St. Pauli in dieser Spielzeit. Der Verein ist ruhig, die Funktionäre agieren besonnen, die Mannschaft ist eingespielt, es gibt eine klare Struktur, und die Liga ist ausgeglichen wie nie. Die großen Teams aus Stuttgart und Hannover sind aufgestiegen, die Absteiger Darmstadt und Ingolstadt gelten nicht als übermächtig.

Es kann etwas werden, wenn gespielt wird wie im ersten Saisonspiel, erste Halbzeit.