Das Erstarken autoritär grundierter Ressentiments gehört zu den besorgniserregenden Entwicklungen der jüngsten Zeit. Eine Grammatik der Härte und die korrespondierenden Register der Bezichtigung und des Verdachts, der Verfemung und Verleumdung prägen zunehmend den öffentlichen Comment. Nicht zuletzt dank (a)sozialer Medien sind Respektlosigkeit, Hassrede und Gewaltandrohungen inzwischen zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Miteinanders geworden.

Maßgeblich dazu beigetragen haben die aggressiven und auf Verletzung gestimmten Volten in den Debatten um die Rechte geschlechtlicher, sexueller und anderer Minderheiten, um die geschlechtergerechte Gestaltung unserer Gesellschaft ganz allgemein oder die Gender-Studies im Besonderen.

Auch linke, queerfeministische und antirassistische Kontexte sind von der epidemischen Ausbreitung dieser "rohen Bürgerlichkeit" (Wilhelm Heitmeyer) nicht gänzlich verschont geblieben – eine Entwicklung, die zweifellos dringend der Reflexion und Kritik bedarf. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Tragik, dass einige Autoren und Autorinnen, die reklamieren, der kritischen Reflexion verpflichtet zu sein, sich mit genau jener rohen Bürgerlichkeit und der ihr eigenen Grammatik der Härte gemeingemacht haben.

Etwa in dem im Frühjahr im lesbisch-schwulen Berliner Querverlag erschienenen Band Beißreflexe sowie in einem von Autoren dieses Bandes verfassten Dossier in der Juli-Ausgabe der feministischen Zeitschrift Emma. Unter dem Deckmantel sich schonungslos gebender Kritik beteiligen sie sich genussvoll und bar jeglicher belastbarer Belege am vorurteilsvollen Bashing der Gender- und Queer-Studies. Um eines billigen, letzten Endes aber teuer erkauften Triumphes willen nehmen sie Allianzen mit jenen Kräften in Kauf, die seit geraumer Zeit gegen die Gender-Studies zu Felde ziehen und denen am Gespräch meist nicht gelegen ist.

Fast scheint es, als sei unter dem Vorwand der Kritik im Grunde alles sagbar, wenn es nur unwahr ist, provoziert und eine schiere Freude an der Zerstörung schürt. Mit unvergleichlichem Furor und beißender Häme skandalisiert besonders der Autor Vojin Saša Vukadinović in seinem Text Die Sargnägel des Feminismus? im Emma-Dossier angebliche theoretische Irrungen und thematische Fehlentwicklungen der Gender-Studies. Er unterstellt die massenhafte Verbreitung von Praktiken wie Zensur und Sprechverboten, die einem offenen Diskurs abträglich seien, und verunglimpft namentlich Vertreter der Gender- und Queer-Studies, die Autorinnen dieses Textes eingeschlossen. Unmissverständlich werden Gender-Studies als monolithisches Gebilde dargestellt, und es wird suggeriert, diese hegten heimliche Sympathien für Terrorismus und Barbarei. Letztendlich, so die Schlussfolgerung, wären wir alle besser dran, würden die Gender-Studies verschwinden, könnten wir uns dann doch endlich wieder dem Feminismus und der Frauenemanzipation zuwenden.

Eine Erklärung, was diesen Feminismus ausmachen sollte, bleibt der Autor bis auf einige vage Hinweise schuldig: Feminismus sei, im Unterschied zu den Gender-Studies, objektiv und beschäftige sich mit harten Fakten wie der weltweiten Entwürdigung, Entrechtung und Misshandlung von Frauen. Anders als die Gender-Studies und seine Vertreter sei dieser Feminismus bereit, den Dschihad und andere Formen islamistischen Terrors zu verurteilen. Unklar bleibt indes, ob es auch zu diesem Feminismus gehört, sich einer solch bissigen Polemik zu bedienen wie das Emma-Dossier, um ein komplexes Forschungsfeld zu delegitimieren. Die Frage wäre zudem, ob der Autor selbst in jener objektiven Weise verfährt, die die Gender-Studies nach seinem Dafürhalten vermissen lassen. Bietet er empirische Belege für seine Schlussfolgerungen, oder handelt er letztlich selbst im beschleunigten Modus vergifteter Karikatur und Denunziation? Wenn der Autor tatsächlich für objektive und empirisch fundierte Forschung sowie für gut begründete moralische Urteile über gegenwärtige Formen von Gewalt eintritt, wieso stehen dann die Verfahrensweise und die Rhetorik des Artikels in so deutlichem Widerspruch zu dem, was er fordert?

Aber vielleicht sind sich Widerspruch und Bezichtigung derzeit ja selbst genug. Denn obwohl die Gender-Studies dafür gerügt werden, keine bahnbrechenden Ideen und Erkenntnisse hervorgebracht zu haben, scheitert der Artikel selbst daran, eine andere Richtung vorzuschlagen. Einmal mehr wird dagegen die Mär von der verblendeten "Butler"-Gefolgschaft verbreitet, die das gesamte Feld der Gender-Studies dominiere, statt deren vielfältige und komplexe Denkbewegungen und empirischen Forschungsthemen nachzuzeichnen oder auch nur anzudeuten.

Es finden sich in diesem Feld welche, die mit "Butler" arbeiten, und welche, die dies bis heute nicht tun. Ebenso wie solche, die sich – etwa aus naturwissenschaftlichen Perspektiven – kritisch mit ihren Überlegungen zum Verhältnis von sex und gender auseinandersetzen. Es wird darüber gestritten, ob "Butler" den Materialismus aufgegeben habe oder nicht, welchen Beitrag ihre Überlegungen zu Fragen globaler Ungleichheit leisten, zu Fragen der Militarisierung weltweiter Konflikte, epidemischer sexualisierter Gewalt, der Prekarisierung menschlicher Existenz und vielem mehr. Doch von alldem findet sich in dem Emma-Artikel nichts. Stattdessen und um des reißerischen Effekts willen: wohlfeile populistische Rhetorik und schmierige Anzüglichkeiten.

So wird etwa behauptet, Gender- und Queer-Studies beteiligten sich aktiv an Zensur, an regulierenden Sprachpolitiken und verhinderten freie Meinungsäußerungen. Das ist zweifellos kritisch zu reflektieren, wo immer es geschieht. Aber soll damit gesagt sein, dass freie Rede radikal ungehemmte Rede sein sollte? Dass wir uns als Feministinnen an Boshaftigkeit und Karikatur beteiligen sollten? Dass wir jegliche Form akademischer Redlichkeit verweigern können? Dass wir also dem Vorbild des Emma-Autors folgen sollten?

Liefert uns dieser Text nicht vielmehr ein Beispiel für eine ruchlose Rede? Ohne Achtung für Wahrheit, obwohl er selbst fordert, Feminismus müsse objektiver werden? In jedem Fall bietet er Anlass zur Sorge, ob sich inzwischen eine Form von "Trumpism" im Feld des Feminismus eingerichtet hat: Sag, was immer du willst, beleidige oder verletze nach Belieben und sorge dich nicht, ob das, was du sagst, wahr ist oder ob es Schaden anrichtet in der Welt.

Wenn dies das von Emma favorisierte feministische Modell von Freiheit ist und die Richtung anzeigt, die feministische Kritik nehmen soll, dann haben wir in der Tat allen Grund, besorgt zu sein.

Denn der Feminismus, den wir seit Simone de Beauvoir kennen, verkörperte im Unterschied dazu eine umsichtige, nachdenkliche und bejahende Idee von Freiheit. Eine, die verbunden ist mit der Verantwortung, eine gleichere, gerechtere und freiere Welt zu schaffen. Wenn aber "frei" bedeutet, frei von jeglicher Verpflichtung zu handeln, warum sollte dann irgendjemand die Aufgabe übernehmen, die Welt freier, gerechter und gleicher zu machen?

Eine Haltung, die sich der Welt zuwendet

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, uns an die Grundlagen feministischen Denkens und feministischer Praxis zu erinnern. An ein Denken, das uns aufgetragen hat, beharrlich an der Erkenntnis zu arbeiten, auf wie viele Weisen sich patriarchale Verhältnisse und Hindernisse im Leben jeder Einzelnen materialisieren – und diese Kräfte rücksichtsloser Zerstörung zu bekämpfen. Zweifellos ist der Emma- Autor frei, seinen Artikel so zu schreiben, wie er es für richtig hält. Aber lassen wir uns nicht täuschen. Die Idee von Freiheit, die darin befürwortet wird, hat nichts zu tun mit der Vision, die seit Simone de Beauvoir weltweit feministische Kämpfe antreibt.

Die Basisregel einer Grammatik der Härte, nämlich den Mechanismus der "Versämtlichung", wie es Hedwig Dohm nannte, also die Vereinheitlichung durch Unterordnung unter negativierende Zuschreibungen, haben sich einige Autoren des Sammelbandes Beißreflexe gründlich zu eigen gemacht. Es ist ein Mechanismus, der auf die Beseitigung von Binnendifferenzen und empirischer Komplexität, dafür umso mehr auf Homogenität, Abstraktion und Vergleichgültigung im Inneren von Differenz abzielt. Eine gewaltvolle, weil abstrahierende Denkform. Eine Denkform, der es weder um Genauigkeit im Verstehen zu tun ist noch darum, die Begrenztheit der eigenen Perspektive kritisch in den Blick zu nehmen. Eine Denkform, die absieht von der einzelnen Person und den Umständen, in die sie gestellt ist, die Eigenschaften zuschreibt, sie totalisiert und synonym setzt mit der ganzen Person. Die aus Abstraktion soziale Urteile gewinnt und sich moralisch über jene erhebt, die sie allererst als vermeintliche Verursacher der angeprangerten Missstände ausfindig gemacht hat.

Um der Zurschaustellung eigener moralischer Überlegenheit willen bedienen sich diese Autoren einer Strategie, die – mit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt fatalen Folgen – zu Prozessen der Entsolidarisierung beiträgt. Indem sie der Empörung den Vorzug geben vor dem Ausloten der Aporien von Solidarität, betreiben sie das Geschäft der Herrschaft, das anzuprangern sie vorgeblich angetreten sind.

Eigentlich haben wir keine Zeit für solche Scheingefechte und die Simulation von Kritik. Denn auch wenn es uns nicht gefallen mag, ist es unbestreitbar, dass Feminismus derzeit mit einer Reihe ernsthafter Dilemmata konfrontiert ist. Zum Beispiel haben die unmissverständlich zu verurteilenden Angriffe auf Frauen in der Kölner Silvesternacht einen Anlass für die Mobilisierung von Gender, Sexualität und einer bestimmten Vorstellung von Frauenemanzipation geboten, die zur Rechtfertigung rassistischer beziehungsweise islamfeindlicher Ausgrenzungspolitiken dienten. So stehen wir wieder einmal vor der Aufgabe, uns zu fragen, wie Rassismus und Gewalt gegen Frauen innerhalb desselben Rahmens adressiert werden können. Wie wir also einen nicht-rassistischen, anti-sexistischen Diskurs führen können, der zugleich ein nicht-sexistischer, anti-rassistischer Diskurs ist. Die Zeitschrift Emma scheint hier eher vorzuschlagen, wir sollten uns in der Verurteilung nicht-westlicher, muslimischer Migranten engagieren, da die Sorge um die Zunahme von Rassismus vom eigentlichen Geschehen – sexualisierter Gewalt gegen Frauen – ablenke.

Welchen Feminismus auch immer Emma vor Augen hat, es scheint ein Feminismus zu sein, der kein Problem mit Rassismus hat und der nicht bereit ist, rassistische Formen und Praktiken der Macht zu verurteilen. Dies aber ist ein bornierter Feminismus, der sich nicht darum bemüht, sein Verständnis der Achsen von Ungleichheit zu vertiefen und seine solidarischen Bindungen zu erweitern. Indem er mit Bezichtigung und unbegründeter Denunziation arbeitet, bietet er alles andere als eine bahnbrechende Vision für die Zukunft.

Was daher dringend Not tut, und was die Texte des Beißreflexe-Bandes wie des Emma-Dossier vermissen lassen, ist, eine Haltung zu kultivieren, die sich der Welt zuwendet und auf epistemologische und moralische Überheblichkeit verzichtet. Eine Haltung, die – anders als das stetig lauter werdende Getöse medialer, die Demokratie zersetzender Debattensurrogate – auf die Tugenden des Differenzierens und der Deeskalation setzt. Die zurückhaltend und bedacht mit apodiktischen Verallgemeinerungen umgeht und Begrifflichkeiten wählt, die Ambivalenzen auszudrücken erlauben. Die totalisierende und versämtlichende Sichtweisen zurückweist, um ein Denken mit der Welt statt über diese zu ermöglichen. Eine Haltung auch, die den Unterschied zwischen empirischen Gewissheiten und normativen Urteilen kennt und in der die langsame, bedachte Untersuchung den Vorzug vor der schrillen Skandalisierung erhält.

Es ist eine der gegenwärtig vielleicht drängendsten Aufgaben unserer Welt, Möglichkeiten zu finden, mit anderen zusammenzuleben und eine Welt zu teilen, ohne die Andersheit der Anderen auszulöschen, aber auch, ohne die unzweifelhaft existierenden Dilemmata zu leugnen, die auf diesem Weg auftreten werden.

Gerade deshalb aber haben wir keine andere Wahl, als die eigene Position zu provinzialisieren und Möglichkeiten von Solidarität zu erkunden, statt uns in selbstgerechter und hypokritischer Empörung einzurichten. Dieser letztlich narzisstischen Verkennung erlegen zu sein ist die eigentliche Tragik von Emma und Beißreflexe. Das "wahre Unrecht", wusste schon Theodor W. Adorno, sitzt "eigentlich immer genau an der Stelle ..., an der man sich selber blind ins Rechte und das andere ins Unrecht setzt".