DIE ZEIT: Frau Tekkal, Sie sind in Hannover geboren und aufgewachsen. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie Jesidin sind?

Düzen Tekkal: Als ich drei war, kam ein Kamerateam zu uns nach Hause und interviewte meinen Vater: warum unsere Religion unterdrückt werde und meine Eltern aus der Türkei geflohen seien. Ich spürte, da ist etwas Verbotenes. Gebetet haben wir nicht. Aber wir liebten Tausi Melek, den wichtigsten Engel der Jesiden, der die Gestalt eines Pfaus hat. Dann gab es eigene Rituale zur Taufe oder Beerdigung. Unsere 4.000 Jahre alte monotheistische Religion weiß wenig über sich. Erstens, weil wir keine heilige Schrift haben. Zweitens, weil wir unseren Glauben immer verstecken mussten, in der Türkei wie im Irak.

ZEIT: Ihr Vater schrieb 1985 an Bundeskanzler Kohl: "Ihre Regierung hat anerkannt, dass Christen in der Türkei wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Wir danken Ihnen dafür! Leider haben wir Jesiden Ihre Anerkennung als Asylanten bisher nicht gefunden."

Tekkal: Mein Vater Seyhmus Tekkal kam 1965 als Gastarbeiter nach Deutschland und gründete den ersten jesidischen Verein. Er stammte aus einem gemischten türkischen Dorf mit vielen Muslimen. Jesiden hatten weniger Rechte, galten als Ketzer, durften nichts lernen. So blieben die meisten Bauern, auch meine Eltern. Meine Mutter ist Analphabetin, mein Vater besuchte vier Klassen. Erst in Deutschland wurde er Fliesenleger und, wie er es nennt: Menschenrechtsexperte in Asylfragen. Er sorgte dafür, dass Tausende Jesiden hier anerkannt wurden.

ZEIT: Heute leben etwa 150.000 Jesiden in Deutschland. Von einer Million Gläubigen weltweit ist die Hälfte auf der Flucht. Wie leben Sie mit diesem Wissen?

Tekkal: Es ist eine Bürde und eine Chance. Zu Hause waren wir sieben Mädchen und vier Jungen, meine Mutter schärfte uns ein: Ich will, dass ihr viel lernt. Ich habe Politik und Germanistik studiert. Alle waren entsetzt, als ich sagte: Ich gehe zum Fernsehen! Bei RTL habe ich viele Integrationsthemen gemacht. Erst später wurde mir klar: Die Jesiden brauchen dich.

ZEIT: 2014, als der IS seine Schreckensherrschaft etablierte, reisten Sie in den Irak.

Tekkal: Mich erreichten unzählige Anrufe, E-Mails, Posts aus den bedrohten Gebieten. Menschen, die ich nicht kannte, schrien ins Telefon: Wir werden abgeschlachtet! Keiner hilft uns! Rette dein Volk!

ZEIT: Ein Jahr zuvor hatten Sie bei RTL gekündigt.

Tekkal: Ohne Plan B, ohne Rücklagen. Aber ich wollte endlich einen Film über die Jesiden machen. Als im Sommer 2014 dann der IS unsere Dörfer überfiel, war ich vorbereitet: Ich war frei! Fast alle Redaktionen scheuten ja das Risiko. Nur stern TV war so wahnsinnig und finanzierte meine Reise. Dafür bin ich ewig dankbar.

Dank von der Kanzlerin

Angela Merkel lud die Jesidinnen Ende Juni in den Bundestag ein: zum Kongress über Vergewaltigung als Kriegswaffe. Sie forderte Hilfe für die Opfer und Strafe für die Mitglieder der islamistischen Terrormilizen. Die Kanzlerin dankte Betroffenen wie Necla Mato für ihre Berichte und der Filmemacherin Düzen Tekkal für die Idee zum Kongress: "Ich weiß, Frau Tekkal, dass Sie da auch gebohrt haben – mit Recht." Tekkals Film "Hawar. Meine Reise in den Genozid" kann man bestellen über die Website der Hilfsorganisation für Jesiden www.hawar.help. Das Spendenkonto lautet: DE 60100900002590515003, BIC: BEVODEBBXXX, Berliner Volksbank

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ZEIT: Wie gingen Sie damit um, dass die ganze Berichterstattung so langsam in Gang kam?

Tekkal: Ich nahm all meine Wut zusammen, informierte die großen Sender, und dann brachen mein Vater, mein Kamerateam und ich in die heiligen Gebiete auf. In den Krieg. Am 13. August kamen wir an, da war Necla Mato noch eingekesselt, da lebten die Männer von Kocho noch.

ZEIT: Hatten Sie Kontakt zu Necla Mato?

Tekkal: Nein, erst später. Wir wurden von jesidischen Verteidigungseinheiten abgeholt und umfuhren bei Dunkelheit Mossul, um nach Dohuk zu gelangen. Am nächsten Tag kamen wir ins Lager der Überlebenden: Man roch den Völkermord förmlich. Und dann brachen die Tragödien über uns herein. Menschen klammerten sich weinend an mich, ein verwaister Junge flehte: Nimm mich mit!