Kubitschek, dessen erste politische Aktion mit 16 Jahren der Protest gegen eine McDonald’s-Filiale war, eint mehr mit Sieferle als der finstere Blick auf das angeblich untergehende Deutschland. In den siebziger und achtziger Jahren hatte Sieferle kritisch über die Industriegesellschaft geschrieben, ihre fatale Abhängigkeit von Kohle und Öl, dem "unterirdischen Wald". Kubitscheks Rückzug aufs Land, wo er morgens die Ziegen melkt, ist eben auch Teil seiner großen "Absage an die One-World-Ideologie", mit ihren Handys und ihrer künstlichen Befruchtung. "Ökologisch", sagt Kubitschek, über eine Schale frischer Brombeeren gebeugt, "das sind nicht fair gehandelte Kiwis aus Australien. Ökologisch ist, wenn wir im Winter Kraut und Schlachteplatte essen." Lob des Regionalen, des Unverstellten, Natürlichen – das alles hat man schon einmal ganz woanders gehört.

Zu den Anklängen an das Lebensgefühl der frühen Grünen – die mit ihren heutigen Positionen, speziell zu Flüchtlingen, ein besonderes Hass-Objekt Kubitscheks sind – kommt ein ganz bewusstes Plündern im Fundus linker Gedanken und Aktionsformen: den Schock-Strategien der Situationisten, der deutschen "Gruppe Spur" um Dieter Kunzelmann, der Achtundsechziger. Der Soziologe Thomas Wagner hat dazu ein herausragendes Buch geschrieben, das übernächste Woche im Aufbau Verlag erscheint: Die Angstmacher. Es ist aus Gesprächen mit Neuen Rechten wie Kubitschek, Alain de Benoist oder dem Anführer der österreichischen Identitären, Martin Sellner, entstanden – Letzteren vergleicht Kubitschek lobend mit Rudi Dutschke. Wagner glaubt, dass die liberale Öffentlichkeit den Neuen Rechten keinen größeren Gefallen tun kann, als sie vom Gespräch auszuschließen. "Je mehr sich die dem eigenen Anspruch nach plurale Öffentlichkeit nach rechts hin schließt", schreibt Wagner, "desto effektiver scheinen die von den Achtundsechzigern und ihren Adepten erprobten Methoden der Spaßguerilla und der Provokation zu greifen."

Die Frage ist nur, was es noch zu reden gibt, wenn alles wegmuss: alle Grünen, alle Sozialdemokraten, Angela Merkel und all ihre Parteifreunde. Und natürlich die Flüchtlinge, Migranten (am Tisch Anwesende werden ausgenommen, sofern sie sich Deutschland gegenüber loyal verhielten), die amerikanischen Fernsehserien, die sexuelle Libertinage. Verblüffend ist bei all dieser Aggressivität die große Larmoyanz, die man überall in der Neuen Rechten findet: Nie lädt man uns ein! Das arme Deutschland wird von allen fertiggemacht!

Woher weiß Kubitschek eigentlich, dass er im Namen der Deutschen spricht, wer auch immer das genau ist? Auf einer Pegida-Kundgebung hat er einmal das Bild von der Katze und der Taube gebraucht. Eigentlich ist die Taube als Beute zu groß für die Katze. Aber weil ihr die Flügel gebrochen sind, zerrt die Katze sie die Treppe herunter. Mit jeder Stufe, auf die ihr Kopf knallt, werde sie wehrloser. Das ist Deutschland, für Kubitschek, und die Katze, das ist die politische Klasse. So hat er sich selbst erklärt, warum die große Mehrheit der Deutschen noch nicht in seinem Sinne aufbegehrt. Das haben sie 1968 auch immer gedacht: "Bewusstseinsindustrie" nannte man das damals.