In den nuller Jahren war das Homeoffice (früher: "Heimarbeit") der letzte Schrei in Amerika. Es war cool und kreativ, die Geschäfte am häuslichen PC zu erledigen: Marketing, Programmieren, Design, Aktienhandel. Die Eltern konnten zu Hause codieren und zugleich den Nachwuchs umsorgen. Nie wieder im Stau stehen oder dem ungeliebten Kollegen in die Arme laufen. Was die Telearbeiter tagsüber nicht schafften, holten sie abends nach.

Die Produktivität habe unter diesem Freiheitsregime nicht gelitten, berichten Chefs. Also Win-win. Dennoch läuft die Phase aus. Das Wall Street Journal, das sein Ohr dicht am Puls von Big Business hat, berichtet von der Konterrevolution unter dem Titel The Boss Wants You Back in the Office. Der Anteil der Heimarbeiter (Ganz- und Teilzeit) ist im vergangenen Jahr von 24 auf 22 Prozent gefallen und fällt weiter.

IBM, Bank of America und Reddit, um nur einige zu nennen, haben die Parole "Heim ins Firmenreich!" ausgegeben. Warum? Die Manager wünschen mehr Zusammenarbeit und Kontakt mit der Kundschaft. Die Angestellten sollen jederzeit ansprechbar sein. Mithin wollen die Chefs mehr Kontrolle über ihre Unterlinge, was weder progressiv noch nett ist.

Wer aus der Freiheit in die Fron zurückkehrt, fühlt sich wie ein Pferd, das von der Koppel in den Stall getrieben wird. Die zweibeinigen Lasttiere müssen sich wieder mit überfüllten Parkplätze quälen, dann in engen Büros für Mehrwert sorgen, wo sie den heißen Atem des Vorgesetzten im Genick spüren. IBM, einst Pionier der Nomadenarbeit, schwingt seit dem Frühjahr die Gerte. Zurück in den Stall oder einen neuen Job suchen!

Seit fünf Jahren sinkt der Umsatz von IBM. Die Hoffnung auf Einsparungen durch Heimarbeit – weniger Bürokosten und Mieten – habe sich nirgends erfüllt, resümiert Jennifer Glass, BWL-Professorin an der Universität Texas. Nun heißt es, die Büroexistenz werde Teamwork und Arbeitstempo beflügeln. Mit just solcher frohen Botschaft wurde einst das Homeoffice gepriesen.

In Deutschland, wo amerikanische Moden mit Verzug ankommen, nutzen nur elf Prozent das traute Heim, um zu arbeiten. Aber auch hier doziert die Marketing-Chefin von IBM: Nur wer Schulter an Schulter arbeite, bewirke echte "Kreativität" und "Inspiration" – Juwele des Marketing-Sprech. Aus der engen Sicht des Zeitungsgewerbes muss man ihr freilich beipflichten. Marion Gräfin Dönhoff, die verstorbene ZEIT- Herausgeberin, pflegte zu predigen: "Eine Zeitung muss zusammengequatscht werden." In der Tat: Gute Ideen entstehen auf dem Flur, in der Kantine oder Kaffeeküche. Außerdem ist in der ZEIT-Redaktion so manche Ehe angebahnt worden, was logischerweise beim Allein-zu-Haus nicht geht.

Man kann sich zuverlässigere Anreize ausdenken, um die Heimarbeiter heimzuholen und die Produktivität zu steigern. Google hat einen Busdienst mit WLAN, wo die jungen Genies auf der Fahrt nach Mountain View die Laptops bearbeiten. Auf dem Campus warten kostenlose Friseure und Restaurants. Dito bei Facebook. Das beste Lockmittel sind Firmen-Kitas.

Falls IBM wieder schwarze Zahlen schreibt, wäre die Gegenrevolution ein Gewinn gewesen. Wenn nicht, denken sich die BWL-Gurus und Beraterfirmen eine neue todsichere Arbeitstheorie aus. So wächst zumindest deren Umsatz.