"Ich weiß, ich bin schrecklich", sagte sie in Paris beim Abendessen nach einem Interview, nachdem sie beim Kellner mit ihrer vom Rauchen verwüsteten Waldhexenstimme eine "etwas beeindruckendere Käseauswahl" gefordert hatte. Man fühlte sich wie im Kino, war begeistert von der Eleganz und Klugheit und Leidenschaft, mit der Jeanne Moreau weitersprach, über das Spielen, das Darstellen, den Auftritt auf der Leinwand und im Leben. "Aber oft bringt es etwas, schrecklich zu sein", sagte sie mit einem Lächeln. Jenem Lächeln, mit dem sie sieben Jahrzehnte durch die Kinogeschichte gewandelt ist und das sie auf der Leinwand in eine mal amüsierte, mal verächtliche, mal gelangweilte, stets neben sich stehende Welthaltung verwandelte. Es ist dieses rätselhafte, nach innen weisende Lächeln, das Jules und Jim in François Truffauts gleichnamigem Film erst auf dem Antlitz einer griechischen Statue entdecken und dann auf dem Gesicht der von beiden leidenschaftlich geliebten Catherine. Später wird sie bei Truffaut in Die Braut trug schwarz zum Racheengel, der mit einem auffordernden Lächeln die Mörder ihres Bräutigams verführt und dabei ihrer Schuld überführt. In Tony Richardsons Film Mademoiselle zerquetscht Moreau in ihrer wohl eigenwilligsten Rolle ein Vogelnest samt Eiern, zerstört dann ein Dorf und ihren Geliebten – mit dem kaum merklichen Lächeln einer Frau, die weiß, dass das Leben an ihr vorübergezogen ist, und die dennoch ihre Spuren hinterlassen will.

Über all diesen Facetten ihres Lächelns schwebte stets ihr ureigenes Lächeln einer verzogenen Göre, das sie sich bis ins hohe Alter bewahrte. Und gerne kokettierte sie mit ihrer eigenen Verzogenheit, obwohl sie eigentlich ein zutiefst liebenswürdiger Mensch war. Eine mit ihrer Stadt verwurzelte Pariserin. Tochter einer englischen Folies-Bergère-Tänzerin und eines Bistrobesitzers am Montmartre, die ihre Schauspielerinnenkarriere gegen den Willen ihres Vaters begann. Den Kampf gegen diesen Widerstand hat sie einmal als Grundimpuls ihrer Kunst beschrieben.

Es war ihr instinktives Interesse an der wirklichen, der ontologischen Verzogenheit des Menschen, das sie schon als gefeierte Nachwuchsschauspielerin dazu brachte, ihre Attraktivität in etwas anderes, Verstörendes zu überführen. Da ist die bereits in jungen Jahren leicht erschöpft wirkende Physis, da sind die wie vom Lebensüberdruss nach unten weisenden Mundwinkel. Da ist dieses unbeteiligte Verhältnis zu ihrem lasziven Körper, der in Louis Malles Film Fahrstuhl zum Schafott zu Miles Davis’ existenzialistischen Klängen durch die Pariser Nacht läuft, achtlos zwischen heranschnellenden Autos die Boulevards überquerend. Mit diesem Film noir wurde Jeanne Moreau, längst eine gefeierte Theaterschauspielerin, zum Kinostar. Vor allem aber brachte er ihre unberechenbare Weiblichkeit in die Nouvelle Vague. In der Rolle der Ehebrecherin Florence Carala durchläuft sie in dieser einen Nacht die Höhen und Tiefen eines mörderischen Liebeskomplotts, doch nie weiß man, was hinter ihrer hohen, blassen Stirn vorgeht. Alle ihre Kinofiguren besitzen diese Offenheit und Unberechenbarkeit, nie lässt sich ihr nächster Schritt oder Gedanke erahnen. Das macht sie so herausfordernd anziehend wie gefährlich, hinreißend und auf fatale Weise mitreißend. Tatsächlich hat wohl kaum eine Schauspielerin auf der Leinwand mehr Männer in den Tod gerissen als Jeanne Moreau.

Es war Luis Buñuel, der die gefährliche Göre 1964 in seinen Kosmos überführte und ihr Spiel auf eine weitere, faszinierende, geradezu abstrakte Ebene brachte. In Tagebuch einer Kammerzofe kommt das Hausmädchen Célestine aus Paris in die französische Provinz und findet sich in einer Gesellschaft brutaler, perverser Männer wieder. Moreaus Zofe wirkt wie eine Forscherin, die mal interessiert, mal gähnend die Verbrechen, Niedrigkeiten und fetischistischen Leidenschaften um sich herum betrachtet. Ihrer eigenen Erotik gegenüber scheint sie völlig gleichgültig, ist zugleich Frau, Phantasma und pures Kinowesen. Jeanne Moreau, übrigens auch eine leidenschaftliche Bücherverschlingerin, verfasste 2008 anlässlich der Retrospektive der Berlinale für die ZEIT einen feinsinnigen Essay über Luis Buñuel, und das, was sie über Célestine schreibt, scheint im Rückblick prototypisch für viele ihrer Figuren zu sein: "Für mich liegt das Anstößige, im besten Sinne Schockierende von Buñuels Filmen in der Selbstverständlichkeit, mit der er von Lüsten, sexuellen Impulsen und Abgründen erzählt, indem er sie in einen völlig unpsychologischen Rahmen überführt. (...) So frei und neugierig, wie dieses Dienstmädchen eine Entdeckungsreise in die Perversion eines anderen Menschen unternimmt, blickt Buñuel auf die Perversionen aller seiner Figuren. Daraus spricht nicht nur sein antibürgerlicher Impuls, sondern eine tiefe Einsicht in die Wahrheit und Notwendigkeit menschlicher Phantasmen und Obsessionen."

Jeanne Moreau war die kluge Verkörperung der Phantasmen, die komplizenhafte Verbündete der Obsessionen ihrer Regisseure. Gerade weil sich keine ihrer Figuren auf einen realistischen Rest reduzieren lässt, scheinen sie alle aus ihrer Geschichte herauszutreten, aus dem Film in die Filmgeschichte zu wandeln. Man muss sich nur anschauen, wie sie in Rainer Werner Fassbinders Querelle als eine Mischung aus Sphinx und Bordellchefin erscheint. Mit einem desillusionierten Gesangsauftritt, der auch zum Kommentar ihrer Leinwandheldinnen wird: "Each man kills the thing he loves." Oder wie eindrücklich und zugleich zurückhaltend sie Wim Wenders’ Film Bis ans Ende der Welt in Besitz nimmt: als blinde Frau, der ein Bildergedächtnis eingepflanzt werden soll – man sieht ihr einfach die Sehnsucht nach dem Sehen an.

Bei dem erwähnten Abendessen in Paris (die Käseauswahl wurde tatsächlich noch beeindruckend) sprach Jeanne Moreau an die Reporterin eine Einladung aus, zu ihrem späten Lebens- und Herzensprojekt: einem alljährlich im Sommer stattfindenden, von ihr initiierten und geleiteten Seminar mit jungen Regieanwärtern. Noch als weit über Achtzigjährige liebte sie es, im südwestlich von Paris gelegenen Angers junge Filmemacher mit erfahrenen Regisseuren, Kameraleuten, Drehbuchautoren, Schauspielern zusammenzubringen, den Austausch der Jüngeren untereinander zu fördern – und natürlich sich selbst dabei zu amüsieren, mit wechselnden Riesensonnenbrillen und in eleganten Ensembles.

"Wir können euch nichts beibringen", sagte sie ihren Zöglingen bei einem dieser Seminare vor etwa neun Jahren, "aber wir können euch helfen, klarer zu sagen, was ihr wollt." Auf einem Kinoset, sagte Moreau, sei es wichtig, dass alle am selben Film arbeiten. Daher müsse man als Regisseur zunächst mal in der Lage sein, sich verständlich zu machen, eine Vision zu transportieren. Man könnte von einer Kinoschule des klaren Ausdrucks für die kommende Generation sprechen.

Natürlich waren in jenen Tagen in Angers noch andere Regisseure anwesend. Oder vielmehr ihre Gespenster. Sie waren da, weil eine große Schauspielerin von ihnen erzählte und mit ihren Erinnerungen und Begegnungen lebte. Orson Welles, von dessen osmotischem, wortlosem Umgang mit Schauspielern sie endlos schwärmen konnte. Buñuel natürlich. Oder auch Michelangelo Antonioni, für dessen Film La Notte sie nie bezahlt worden sei. "Ich ging und ging und ging in diesem Film. Heute kommt mir die ganze Geherei ein bisschen albern vor." Nie waren Moreaus Erinnerungen nostalgisch. Im Gegenteil, man hatte das Gefühl, dass ihr heiterer Sarkasmus sie vor jeglicher Sentimentalität bewahrte ("Monica Vitti sah mich während der Dreharbeiten zu La Notte mit dem Arsch nicht an!").

Von jenen Tagen mit Jeanne Moreau in Angers nahmen neun junge Regisseure und Regisseurinnen und die Reporterin viel mit nach Hause. Etwa die Erkenntnis, dass die große Göre des französischen Kinos sich nichts und niemandem unterwarf, außer der Tatsache, dass um 18 Uhr der Aperitif getrunken wird – gerne Rotwein mit Eiswürfeln. Dass Kino mit Besessenheit, Leidenschaft und Begeisterung zu tun hat. Aber auch mit Präzision, Autorität und Pünktlichkeit. Dass man die Dinge nicht nur auf einem Filmset beim Namen nennen sollte. Und dass die Welt um einiges leichter zu ertragen ist, wenn man sich ein bisschen Stilgefühl bewahrt.

Am vergangenen Montag ist Jeanne Moreau mit 89 Jahren in ihrer Wohnung im 8. Pariser Arrondissement gestorben.