Ich bin auf mich allein gestellt. Von Anfang an. Schon vor der Sendung im Aufenthaltsraum des ZDF-Hauptstadtstudios merke ich das, als mich keiner der Herren begrüßt. Also gehe ich zu ihnen, stelle mich zwischen Gabor Steingart vom Handelsblatt und Jürgen Trittin von den Grünen, schaue an mir runter und falle vielleicht gar nicht auf in meiner dunkelblauen Bleistifthose, dem dunkelblauen Pulli, aber mit Leoparden-Pumps an den Füßen, räuspere mich einmal, keiner reagiert, räuspere mich noch mal, Köpfe drehen sich. "Ah ja, Sie sind die mit der Jugendbewegung", sagt Peter Altmaier, der Kanzleramtsminister.

Und während ich da stehe und warte, dass der Maybrit Illner-Talk mit dem Titel Trumps Egotrip – Mauern gegen den Rest der Welt? beginnt, frage ich mich: Wie zur Hölle bin ich nur hier reingeraten? Mitten in das Merkel-Berlin, in die deutsche Mediendemokratie, in das Spektakel, das man Politik nennt?

Schuld an meiner neuen Medienkarriere ist ein Facebook-Post. Am 10. November, zwei Tage nach der Trump-Wahl, schrieb ich: "Liebes Facebook, hiermit gründe ich eine Jugendbewegung. Ich weiß, man gründet keine Bewegung, sondern man wird eine. Aber ich überspringe das Werden und proklamiere das Sein."

Als ich das tippte, saß ich auf meinem Sofa in Berlin-Kreuzberg. Ich hatte die Wahlnacht mit Freunden verbracht. Beim Einschlafen lag Hillary Clinton noch vorn. Als ich morgens um acht Uhr den Fernseher anschaltete, betrat Trump gerade mit seiner Familie die Bühne und jubelte. Ich fing an zu weinen. Ein Frauenfeind, ein Rassist, ein Reality-TV-Star als Herrscher der freien Welt! Die Trauer wich der Wut. Ich riss das Fenster auf und schrie: "Fuck!"

Mit diesem Gefühl und dem Tocotronic-Song Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein schrieb ich den Facebook-Post. Und mit diesem Post, in dem ich ankündigte, im Sommer vor der Wahl mit Workshops und Aktionen nicht weniger als die Menschlichkeit retten zu wollen, trat ich vom Spielfeldrand, aus der bequemen Position der Journalistin, mitten auf den schlecht gemähten Rasen des Aktivismus. Ich wurde von der Beobachterin zur Beobachteten, von der Chronistin zur Akteurin.

Ich nannte die Jugendbewegung "Demo" und machte ein Versprechen, das ich von da an in zwölf Interviews, elf Berichten, vor 3,3 Millionen Zuschauern im ZDF wiederholen sollte: Dass ich mit "Demo" junge Menschen für Politik begeistern, politisches Selbstbewusstsein vermitteln und zum Wählen motivieren will. Nicht im Netz, sondern von Angesicht zu Angesicht: reden und zuhören, streiten und diskutieren. Um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Damit Deutschland sich nicht genauso stark spaltet wie die USA, Großbritannien, Ungarn oder Polen.

Als die Einladung von Illner kam, war "Demo" nicht mehr als das – ein großes Versprechen. Kaum aufgelegt, rief ich meinen Freund an: " Illner, ich soll zu Illner!" Ich, die Neo-Politisierte, im Fernsehen, mit all den Krawattenträgern.

Politisch engagiert habe ich mich nie. Interessiert habe ich mich immer. Aber während andere mit der Jungen Union auf Berlinfahrt gegangen sind oder mit der Grünen Jugend Nitratproben nahmen, war Politik für mich etwas, das in der Zeitung stattfand.