Der US-Anthropologe Marshall Sahlins ist ein meinungsfreudiger Denker. Ebenso gern wie sein prominenter Schüler David Graeber sucht er den Disput außerhalb der eigenen Fachgrenzen. Sein nun auf Deutsch erschienener Essay Das Menschenbild des Westens – Ein Missverständnis? tut genau dies: indem er lustvoll an einem Grundpfeiler von politischer Theorie, Ökonomie, Psychoanalyse und diversen anderen Disziplinen sägt. Denn nicht weniger als den Gegensatz von Natur und Kultur sowie die daran gekoppelte wesenhafte Schlechtigkeit des Menschen in der Weltanschauung des Westens nimmt Sahlins ins Visier.

Wir alle kennen spätestens seit Hobbes die "politische Wissenschaft vom widerspenstigen Tier" Mensch, der im anarchischen Naturzustand einen Krieg aller gegen alle führte. Aus dieser Unsicherheit heraus begaben sich die Menschen allesamt unter die Knute eines Souveräns – und damit in den sicheren Hafen der Kultur. Als Monarchist mag Hobbes ein Sonderfall sein, der Dualismus von einer anarchischen Natur, welche die Kultur zu zügeln hat, zieht sich jedoch über Jahrhunderte durch das gesellschaftliche Denken des Abendlandes.

Der 1930 geborene Autor arbeitet diese verbindende Prämisse bei so unterschiedlichen Autoren wie Thomas von Aquin, Hobbes, Freud und unzähligen weiteren heraus. Sehr genau seziert er die Transformationen dieser Idee, von ihrem Ursprung im Hellenismus über eine Verstetigung durch die "Naturalisierung der Erbsünde" im Christentum bis zur seltsamen Feier des Eigennutzes durch "Ego-Systematiker" wie Montaigne. Dieses Hoch auf die Selbstliebe führt im 20. Jahrhundert schließlich dazu, die Antithese von Eigennutz und Staatsmacht umzukehren – "nun ist das Eigeninteresse etwas Gutes, und die beste Regierung: so wenig Regierung als möglich".

Sahlins beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Feld der Philosophie, sondern zeigt, wie der Natur-Kultur-Gegensatz zu einer "totalisierten Metaphysik der Ordnung" aufgestiegen ist und Kosmologie, Physiologie und Biologie prägt. Der bei Weitem interessanteste Part des Buches besteht allerdings in der Zurückweisung der natürlichen Boshaftigkeit als menschliche Konstante. Dafür bringt Sahlins viele Beispiele aus der Ethnologie in Stellung, welche die naturgegebene Schlechtigkeit als westliche Idee zurückspiegeln. Zurückgeführt werden kann sie wohl auf die jüdisch-christliche Ablehnung jedweder Naturanbetung.

Leider treten Sahlins’ unterhaltsame polemische Spitzen hier zu stark in den Vordergrund, was die argumentative Stringenz stört. Wenn er mit einer unorthodoxen Vereinnahmung von Marx für die Kultur als menschliche Natur argumentiert, wünschte man sich das genauer und tiefgründiger. Dennoch bleibt dieser Essay eine höchst erhellende, produktiv verunsichernde Lektüre. Die jedoch haltmacht vor der Folgefrage: Warum bloß haben wir ein solches Menschenbild?

Marshall Sahlins: Das Menschenbild des Westens – Ein Missverständnis?
Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Leopold Hofbauer; Matthes & Seitz, Berlin 2017; 206 S., 16,– €