Vor einer holzvertäfelten Wand, an einem Esstisch mit Wachstischdecke, sitzt ein Mann, der es mit einem der schnellsten Computer der Welt aufnehmen kann. Er ist 91 Jahre alt, auf dem rechten Auge blind und so etwas wie ein Wetterexperte. Den Schnauzbart hat er sauber gestutzt, das weiße Haar hinters Ohr gekämmt. Er trägt ein kariertes Hemd, seine Füße stecken in Wollsocken und Trekkingsandalen. Über ihm hängen ein Kruzifix und ein Hirschgeweih. Josef Jägerhuber beugt sich über einen Taschenkalender und schreibt mit zittriger Hand: "3. Mai 2017: Bewölkt. Kühl. Morgens 8 Grad."

Jeden Tag notiert Jägerhuber, ob es kalt ist oder warm, ob es regnet oder schneit. Seit 57 Jahren. Er muss dafür nichts weiter tun, als hinauszutreten auf seinen Balkon und in den Himmel zu gucken. Er blickt dann auf den Starnberger See und die Alpen, hinter deren Gipfeln an diesem Vormittag dicke Wolken hervorquellen. Dann muss sich Jägerhuber kurz bücken, um an dem Kasten neben der Balkontür die Temperatur abzulesen. Eigentlich kann der Kasten, ein altes Messgerät aus den siebziger Jahren, auch die Luftfeuchtigkeit anzeigen, aber seit einiger Zeit funktioniert das nicht mehr. Meist geht Josef Jägerhuber auch noch runter in den Garten, dort hat er einen milchig grünen Messbecher aus Plastik in die Erde gesteckt. Damit misst er den Niederschlag. Aber heute schmerzt das Knie, heute lässt er es bleiben.

Seine Beobachtungen notiert er in eines der Büchlein, die er im untersten Fach seiner Schrankwand aufbewahrt, zwischen einer alten Fernsehzeitschrift und einem Bildband über den Zweiten Weltkrieg. 57 Kalender sind es mittlerweile, einer für jedes Jahr, seit Jägerhuber 1960 begann, das Wetter zu beobachten und erste Prognosen zu schreiben.

Jägerhuber glaubt daran, dass das Wetter göttlichen Mustern folgt und sich alle paar Jahre wiederholt. In den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester kramt er deshalb seine alten Kalender hervor, setzt sich an den Esstisch mit der geblümten Tischdecke und schreibt mithilfe seiner Notizen – und eines abgegriffenen Buches namens Die besten Wetter- und Bauernregeln – die Prognose für das kommende Jahr.

Es gibt viele Menschen wie Jägerhuber. In Rheinland-Pfalz lebte bis vor Kurzem ein Bauer, der behauptete, er könne am Grunzen seiner Schweine erkennen, ob es am nächsten Tag regnen wird. In Sachsen hat es ein alter Mann zu Berühmtheit gebracht, der mithilfe von aufgeschnittenen Zwiebeln das Wetter prognostiziert.

Eigentlich ist Jägerhuber gelernter Schriftsetzer, jahrelang führte er eine Druckerei, unten im Erdgeschoss. Eigentlich ist die Sache mit dem Wetter nur eine Freizeitbeschäftigung. Aber die Journalisten, die ihn seit Jahren besuchen, interessieren sich nicht für Jägerhubers Druckerpressen. Sie wollen seine Prognosen. Die Süddeutsche Zeitung und der Münchner Merkur schicken Reporter, der Bayerische Rundfunk kommt mit einem Kamerateam. "Wetterprophet" nennen sie ihn. Seine Trefferquote, sagen sie und sagt er selbst, liegt bei 80 Prozent.

400 Kilometer von Jägerhubers Wohnung entfernt, in einem Bürogebäude in Offenbach am Main, hinter einer Tür aus gepanzertem Glas, bewacht von Männern mit schwarzen Hosen und breiten Schultern, steht einer der größten und schnellsten Computer der Welt: CrayXC40, der Supercomputer des Deutschen Wetterdienstes, der obersten Wetterbehörde des Landes. Er tut dasselbe wie Josef Jägerhuber. Er versucht, das Wetter vorherzusagen.

Der Computer steht auf mehr als 500 Quadratmetern, in einem grell beleuchteten Raum. Ein Labyrinth aus mannshohen schwarzen Schränken, jeder von ihnen vollgepackt mit Tausenden Prozessoren. Mehr als eine Billiarde Rechenschritte führen sie pro Sekunde aus, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Kühlmodule dröhnen, als wären sie Flugzeugturbinen. Der ganze Raum vibriert.

Armdicke Bündel aus bunten Kabeln versorgen den Computer mit Wetterdaten aus allen Teilen der Welt: mit Luftdruckwerten und Niederschlagsmengen, mit Bodentemperaturen und Windgeschwindigkeiten. Gesendet von Satelliten und Radargeräten, Radiosonden und Wetterstationen. Erhoben von automatischen Hightech-Sensoren und staatlich geprüften Experten.