Die Event-Kultur hat sich übel vergriffen am öffentlichen Raum in Hamburg. Es traten auf: die schwarz vermummten Ninjas des linksradikalen Revolte-Zirkus. Dann die Gute-Laune-Darsteller des Schlagermoves mit Perücken und Plateauschuhen, als seien die siebziger Jahre nie mehr gewesen als ein Kostümfundus des schlechten Geschmacks.

Vorher hatte man die Harley Days ertragen, Männer und Frauen in Fransenlederjacken und Knobelbechern – dass dieser Look mal Bestandteil einer Gegenkultur war und nicht eine Geschäftsidee zur modischen Munitionierung von Zahnärzten in der Midlife-Crisis, ist schon fast vergessen. Der Triathlon schließlich bestückte die City mit Körpern in Neopren und Spandex, ein Meer von Strampelanzügen aus dem Geist der Selbstoptimierung.

Die Innenstadt wird ästhetisch geschleift, es gibt kein Pardon. Auch der Jungfernstieg, diese prächtige Bühne mit Gründerzeitfassaden auf der einen und Stadtsee auf der andern Seite, erscheint je nach Veranstaltungskalender als Durchgangszone für Sportler, Volksfestler und Touristen. Zum Glück ist da noch eine auf Sichtbarkeit drängende migrantische Jugend, arabische Jungs und türkische Mädchen, Teenager aus Harburg und Horn. Das gereicht der Stadt zur Ehre, selbst wenn es zu Verwerfungen kommt. Urbanität fordert einen Preis, und wer den öffentlichen Raum lieber als Freilichtmuseum der Mittelschicht und ihrer habituellen Verrichtungen hat – Shoppen, Parken, Arztbesuche –, der muss nach Eppendorf gehen oder nach Winterhude.

Fragt sich nur, ob man dieser Kulisse nicht einen weiteren Akteur hinzufügen müsste, eine Figur aus dem Zwischenreich der Stände und sozialen Gesten. Brauchen wir nicht mehr Dandys in Hamburg? Die Idee kam einem bei der Lektüre des Raddatz-Kapitels in Günter Erbes Dandy-Buch (Der moderne Dandy; 351 Seiten, Böhlau Verlag, 29,99 Euro). Fritz J. Raddatz war Chef des Rowohlt-Verlags, dann Leiter des ZEIT-Feuilletons, schließlich Schriftsteller und freier Autor, eine der wichtigen Stimmen des deutschen Literaturbetriebs bis zu seinem Tod im Jahr 2015.

Und er war ein Kulturbürger mit ausgeprägt dandyhaften Vorlieben. Design, Mode, edle Interieurs – Raffinement war die zentrale Idee dieses Lebens. Stellt man ihn sich also vor, wie er vom Redaktionsgebäude am Speersort hinüberschlendert zum Rathausmarkt, eine Stippvisite macht in den Alsterarkaden, vielleicht einen Binder kauft bei Ladage & Oelke oder eine Erstausgabe bei Felix Jud. Dann weiter zum Jungfernstieg für einen Spaziergang mit Blick aufs Wasser, der perfekte Flaneur im hellen Sommeranzug inklusive Blume im Knopfloch.

Aber brauchte er nicht eine Entourage? Und wer könnte das sein? In bewusster Verkennung der Chronologie fallen einem ein: der Modemacher Herr von Eden, der Musiker Rocko Schamoni, aber auch Albert Darboven, mit seinen immer ein bisschen zu gut sitzenden Nadelstreifenanzügen und den auffallend pointierten Krawatten. Wenn er in der Stadt wäre, zur Kur bei seinem Mentor Udo Lindenberg: Benjamin von Stuckrad-Barre.

Das sind jetzt die prominenteren Namen. Aber wo sind die Herren – und Ladys! –, die Lust am Flanieren haben und wenigstens kurz der Arbeitswelt den Müßiggang entgegensetzen, der Pflicht den Genuss und der bürgerlichen Anpassung ein provokantes Stilgefühl? Am Jungfernstieg hätten sie einen Boulevard für ihre ästhetische Opposition (und deren Verwertung auf Instagram und Facebook). Einen Raddatz Day, einen Krawattenmove, einen Triathlon, bestehend aus Paradieren, Stolzieren und Präsentieren, das braucht die Stadt nach G20.