Es ist bereits früher Abend, als Beppe Savary-Borioli zu seinem letzten Einsatz aufbricht. Er steuert den Ambulanzwagen die schmale Straße talabwärts, vor jeder Kurve einmal hupend. Rechts die Schlucht, links der Berg. Eine Frau hat ihn aus ihrem Ferien-Rustico angerufen, sie wurde von einer Maus in den Zeh gebissen.

Ob Mäusebisse, verletzte Kinderknie oder eine Hausgeburt: Wenn es im Onsernonetal etwas zu verarzten gibt, Beppe kommt – und das seit bald 35 Jahren.

Der Facharzt für allgemeine innere Medizin, Spezialgebiet Katastrophenmedizin, ist der bekannteste Talarzt im Kanton, und seine Geschichte erzählt, wie das Tessin, unten, in der Ebene, längst verstädtert, in seinen hintersten Winkeln der Gegenwart trotzt.

Beppe Savary-Borioli kam 1983 ins Onsernonetal. Dieses stotzige, wilde Tal, das kurz hinter Locarno abzweigt, sich bis auf 1.000 Höhenmeter hinaufwindet und kurz vor der grünen Grenze in einer Sackgasse endet. Beppe, damals 31 Jahre alt, tauchte mit langen Haaren und Wanderschuhen zum Vorstellungsgespräch auf. Im Dorf war man skeptisch: War er einer dieser cappelloni, dieser Langhaarigen, wie die Aussteiger aus der Deutschschweiz genannt wurden, die in den siebziger Jahren auf der Suche nach ihrem Seelenglück ins Tal strömten? Oder war er ein Arzt wie viele vor ihm, der sich im Tal einen Patientenstamm aufbaut und nach kurzer Zeit nach Locarno verschwindet?

Beppe war nichts davon. Er war gekommen, um zu bleiben. Bis heute ist er einer der wenigen verbliebenen Bewohner, die das Tal am Laufen halten.

"Alle duzen mich", stellt er als Erstes klar und meint damit wirklich alle: Patienten, Kollegen, Politiker, Journalisten. Er hätte damals auch die Praxis seines Vaters übernehmen können, in St. Gallen, es war die größte im Kanton. Auch eine Stelle in Locarno wurde ihm angeboten. Stattdessen entschied er sich für eine Gegend, in der Menschen wegen eines geplatzten Blinddarms noch sterben können. Weil sie zu abgelegen wohnen.

"Das Bequeme hat mich noch nie interessiert", sagt Beppe, als er das Ambulanzauto im Dorf Loco parkiert. Nun geht es zu Fuß weiter. Der Weg führt in steilem Zickzack bergab durch grüne Wälder, Linden, Edelkastanien, Nussbäume. Wer Beppe hier auf den einsamen Pfaden im Wald begegnet, könnte sich fast ein wenig vor ihm fürchten. Vor dem großen Mann mit dem stacheligen grauen Bart und den wilden Locken, stets mit ernster Miene unterwegs. Je näher das Rauschen des Isorno-Flusses kommt, desto näher kommt Beppe seinem Ziel: ein Rustico aus Granit, mitten im Wald, erst sichtbar, wenn man direkt davorsteht.

"Sie sind sagenhaft", begrüßt ihn die Frau, die in dem engen Zimmer auf ihrem Bett liegt. Der Mäusebiss am Zeh hat noch keine Infektion verursacht, Beppe verabreicht der 83-Jährigen trotzdem eine Diphterie-Tetanus-Impfung, zur Sicherheit. Er ist froh, dass er vorbeigeschaut hat. "Wenn du mit der Nase im Züügs drin bist, weißt du einfach besser Bescheid", sagt er auf dem Rückweg ins Dorf. "Individuelle Medizin" nennt er das. Etwas, wovon viele Ärzte in großen Zentren nur noch träumen würden.