Über den großen Walther von der Vogelweide (er lebte etwa 1170 bis 1230) weiß man nicht sehr viel, aber dieses wenige hat den nicht minder großen Peter Rühmkorf (1929 bis 2008) dazu animiert, in dem mittelalterlichen Dichter einen Bruder im Geiste zu entdecken. Walther war der Erste, der entschlossen "ich" sagte und damit nicht einen symbolischen Stellvertreter meinte, sondern exakt sich selbst, nämlich einen Dichter, der ewig um sein Auskommen kämpft, sich nach der Decke streckt und sich trotzdem den Mund nicht verbieten lässt. "Des Reiches genialste Schandschnauze" nennt ihn Rühmkorf, und er rühmt Walthers "stets sprungbereiten Enthusiasmus und die einzigartige Fähigkeit, sich hinreißen zu lassen – zu Freudenausbrüchen oder Wutanfällen oder beides in einem".

Rühmkorf schrieb dies 1975 in seinem Buch Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich. Stephan Opitz hat jetzt den Walther-Aufsatz neu herausgegeben, kommentiert und durch viele Materialien hilfreich ergänzt. Erstens mit den 36 Walther-Gedichten, die Rühmkorf temperamentvoll und elegant in unser heutiges Deutsch übertragen hat. Zweitens mit dem Briefwechsel zwischen Rühmkorf und Peter Wapnewski. An diesen nämlich, an den berühmten Altgermanisten und Walther-Kenner, hatte sich Rühmkorf ratsuchend gewandt. Wapnewski war mit Rühmkorfs Übersetzungen und Deutungen nicht immer glücklich. Er hatte wohl das Gefühl, der fachfremde Dichter betrete allzu forsch germanistisches Hoheitsgebiet.

Man liest die Korrespondenz mit einigem Vergnügen, freut sich an den Empfindlich- und Eitelkeiten der beiden und natürlich an dem guten Ende, das trotz allem zustande kam. Opitz erzählt die Geschichte in seinem klugen Nachwort und versorgt den Leser mit allen Daten und Erläuterungen.

Wie Walther, so hat auch Rühmkorf lebenslang um sein Auskommen gekämpft. An Anerkennung fehlte es nicht, wohl aber an Geld. Eines der berühmtesten Gedichte Walthers handelt davon, dass er endlich sein "Lehen" kriegt, grob gesagt eine Art Altersrente: "Ich hân mîn lêhen, al die werlt, ich hân mîn lêhen. / nû enfürhte ich niht den hornunc an die zêhen, / und wil alle bœse hêrren dester minre flêhen."

Rühmkorfs Übersetzung: "Ich hab mein Lehen, Gottnochmal, ich hab mein Lehen. / Jetzt brauch ich nicht mehr furchtsam in den Frost zu sehen / und reichen Knickern um den Bart zu gehen." Das sei, so resümiert Rühmkorf, kein ungetrübter Jubelruf, "eher schon der Erlösungsschrei eines gerade noch eben Geretteten".

Die Edition der Arno Schmidt Stiftung (in Verbindung mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach) ist wahrhaft ein Gewinn: Man lernt den alten Walther kennen, dessen Gedichte den Bachelor-Germanisten von heute ziemlich fremd sein dürften, und man begegnet dem immerzu leidenschaftlichen Rühmkorf, der nicht nur ein Sprachkünstler gewesen ist, sondern auch ein heller analytischer Kopf.

Peter Rühmkorf: Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide. Hrsg. von Stephan Opitz unter Mitarbeit von Christoph Hilse; Wallstein Verlag, Göttingen 2017; 279 S., 19,90 €