Der Korrespondent berichtet: Einbruch und Mord grassieren; Christen können sich in muslimisch geprägten Nachbarschaften nicht frei bewegen; ohnehin sorge der Staat sich nicht ausreichend um seine christliche Bevölkerung, er verbanne vielmehr Kreuze aus dem öffentlichen Raum und fördere die Aufhebung von Geschlechtergrenzen. Das Land, um das es geht, ist Deutschland. Der Mann, der so spricht, ist Cezary Gmyz, seit September 2016 Korrespondent des polnischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Berlin.

Verließe man sich lediglich auf ihn, man müsste glauben, man könne sich seines Lebens hierzulande nicht sicher sein, zwischen Flensburg und dem Bodensee sei ein Kalifat errichtet worden, in dem Islamisten zusammen mit gutgläubigen, dem "Gender-Wahn" verfallenen Biodeutschen Vielweiberei betreiben.

Gmyz ist einer der bekanntesten Journalisten Polens, seine Kommentare sind Aufreger, er ist regelmäßig in Talkshows zu Gast, hat einen guten Draht zur nationalkonservativen Elite des Landes und mehr als 70.000 Follower auf Twitter. Bekannt wurde er als Investigativreporter. Seinen letzten Scoop landete er mit dem Artikel Sprengstoff auf dem Wrack der Tupolew, erschienen am 30. Oktober 2012 in der Zeitung Rzeczpospolita. Darin behauptete er, dass Sprengstoffrückstände auf Teilen der am 10. April 2010 über dem russischen Smolensk verunglückten polnischen Präsidentenmaschine gefunden worden seien, ohne seine Quellen zu nennen. Er befeuerte damit Verschwörungstheorien um einen russischen Plot gegen die polnische Elite, eine These, die bis heute die Gesellschaft spaltet.

Politiker und Journalisten schüren in Polen ein Klima der Angst vor Muslimen

Was er als Korrespondent schreibt, sendet oder twittert, prägt das Deutschlandbild vieler Polen – weswegen es sich gerade erheblich verdüstert. Im Juni dieses Jahres wurden Schüler der Berliner Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule während einer Reise in Polen etliche Male fremdenfeindlich angegangen. In Lublin etwa wurde ein Mädchen mit Kopftuch bespuckt, Polizisten ignorierten den Vorfall. Die Schüler der Arbeitsgemeinschaft Erinnern, die sich intensiv mit dem Holocaust beschäftigen wollten, wurden in Łódź auf offener Straße beleidigt und bedroht, ein Mädchen wurde mit Wasser überschüttet.

Deutsche: das sind für viele Polen heute auch Mädchen mit Kopftüchern, womit sie ja nicht falschliegen. Die betreuende Lehrerin wollte frühzeitig abreisen, doch die Schüler überzeugten sie, zu bleiben, sie wollten den Übergriffen nicht nachgeben.

Natürlich hat Gmyz nicht zu solchen Taten aufgefordert. Aber er trägt dazu bei, ein Klima zu schaffen, in dem sie möglich sind. "Was der Schulklasse widerfahren ist, das ist nur ein Beispiel für Gewalt gegenüber Minderheiten in Polen, die in den vergangenen Monaten massiv zugenommen hat", sagt Anna Tatar von der Stiftung Nigdy Więcej, die seit Jahren fremdenfeindliche Gewalt in Polen beobachtet. "Wie viele Vorkommnisse es im Jahr 2016 gab, können wir noch nicht sagen, derzeit jedoch registrieren wir täglich mehrere." Politiker der regierenden nationalkonservativen PiS-Partei (Recht und Gerechtigkeit), aber auch Journalisten schüren im Fernsehen oder online Angst und Hass vor allem gegen Muslime. Mit breitem Erfolg: Es gibt mittlerweile sogar PiS-Gegner, die wegen Sicherheitsbedenken nicht mehr nach Deutschland fahren.

Gmyz hat daran seinen Anteil. Dabei deutete nichts in seinem Werdegang auf eine Zukunft als Propagandist hin. Ganz im Gegenteil, Weggefährten beschreiben ihn als warmherzig und belesen, als einen ambitionierten Journalisten, dem an einem guten deutsch-polnischen Verhältnis gelegen sei. Gmyz war oft in Deutschland, zum Beispiel 2003 als Stipendiat der Robert Bosch Stiftung. Wie erklärt sich sein Wandel?