Sie meiden die Sonne, sind stumm und blind. Sie bewegen sich im Untergrund, und dennoch: Ihre Existenz können sie nicht verbergen. Der Boden, den sie im Verborgenen durchgraben, verrät sie.

Jahrtausendelang hatte er gleich ausgesehen, eine dicke Schicht aus altem Laub bedeckte ihn. Gingen Pumas, Stachelschweine oder Stinktiere darüber, raschelte es leise, die Energie ihrer Schritte wurde abgefedert von den weichen Erinnerungen an vergangene Herbste. Wie ein zweiter Horizont schichteten sich alte Blätter, Samenkapseln und Äste auf. Hornmilben, Tausendfüßler und Springschwänze navigierten wie flinke Kuriere durch diese senkrechte Welt hindurch.

Um dieses Biotop für immer zu verändern, brauchen die Neuankömmlinge nur wenige Jahre: Die Wälder Nordamerikas sind für sie ein Schlaraffenland, der Horizont aus Laub ein verschwenderisch gedecktes Buffet, das sie Blatt für Blatt, Samen für Samen ins Erdreich hinunterziehen.

Sie, das sind Regenwürmer.

Die meisten von ihnen stammen aus Europa, die ersten schifften sich schon mit den frühen Siedlern ein, die vom alten Kontinent gekommen waren, um sich in der Neuen Welt Lebensraum zu erobern. Als blinde Passagiere reisten die Würmer im Ballast der Schiffe und im Geflecht der Wurzelballen jener Pflanzen, mit denen sich die Pioniere eine neue Zukunft aufbauen wollten. Auch wenn die Regenwürmer dabei keine Absichten hatten – ihre Ankunft sollte Nordamerika grundlegend verändern, genau wie jene der weißhäutigen Menschen, sehr zum Leid seiner angestammten Bewohner.

Die europäischen Neuankömmlinge stießen auf einen Kontinent, auf dem sich heimische Tiere und Pflanzen in einer Welt ohne Regenwürmer eingerichtet hatten. Während der letzten Eiszeit vor rund 13.000 Jahren hatten kilometerdicke Eispanzer große Teile jener Landmasse unter sich begraben, auf der heute Kanada und die USA liegen. Druck und Kälte komprimierten den Boden zu einer lebensfeindlichen Frostwelt.

Als die Gletscher sich zurückzogen und das Erdreich langsam taute, begann der Wettkampf um Lebensraum bei null. Regenwürmer waren allerdings nicht am Start. Bis auf wenige Arten im Süden des Kontinents waren sie komplett aus Nordamerika verschwunden.

Diejenigen, die im Süden die Eiszeit überlebt hatten, konnten höchstens ein paar Meter pro Jahr nordwärts kriechen – viel zu langsam für das Rennen um Lebensraum und einen Platz im neuen ökologischen Kräftespiel. Im Norden des Kontinents füllten Pilze und Bakterien, Springschwänze und Hornmilben die ökologische Nische, sie übernahmen die Rolle der Zersetzer. Mit ihnen lief der Stoffwechsel jener Wälder langsamer ab.

Die falsch verstandene Tierliebe von Anglern richtet in Nordamerika großen Schaden an.

Bis die Europäer kamen und ihre Regenwürmer. Die waren nicht einfach verspätete Teilnehmer im großen Anpassungsringen. Sie kamen mit einem gewaltigen Startvorteil aus Europa: So schnell wie keine vergleichbare Art konnten sie organische Materie umsetzen. Über und über den Boden durchlöchern, Herbstlaub und anderes organisches Material in die Tiefe ziehen, um es dort in der ewigen Feuchtigkeit des Erdreichs zu verdauen – darin waren sie unvergleichbar effektiv. So spielten sie nicht einfach mit im Wettbewerb der Natur, sie richteten das Spielfeld nach ihren Bedürfnissen aus.

Wildblumen, Kräuter und Bäume, die in mehr als 10.000 Jahren gelernt hatten, ihre Samen im feuchten Milieu der Streuschicht keimen und austreiben zu lassen, hatten plötzlich ein Problem: Auf dem harten, mineralischen Boden, den die Regenwürmer übrig ließen, funktionierte ihre Strategie nur noch schlecht.

Diesen Bodenwandel aufzuhalten oder zu verlangsamen ist bislang keinem gelungen. Die Fachleute verstehen die Mechanismen der Invasion und ihre Folgen erst in den Grundzügen. Das macht die Ankunft und Ausbreitung der Würmer in den USA und Kanada so interessant: Sie sind ein Beispiel für jene zerstörerische Kraft, die Arten entfalten können, wenn sie als Fremde in ein Ökosystem kommen, das ihnen nichts entgegensetzen kann.

Invasive Arten heißen sie im Jargon der Biologen. Doch Invasoren, Eindringlinge, Angreifer – dieses militärische Vokabular ist Ausdruck der menschlichen Deutung eines Schauspiels, das in der Natur ganz absichtslos verläuft, ohne böse Intention.

Die Regenwürmer, diese marodierenden Wirbellosen, zeigen, wie komplex Zusammenhänge in der Ökologie sind. Arten, die in Europa ein Segen für jeden Bauern sind, richten ein paar Tausend Kilometer weiter westlich ökologische Verheerungen an, die Zigtausende Hektar Wald von Grund auf verändern.

Manche Arten haben einen größeren Einfluss auf ein Ökosystem als andere. Elefanten gehören etwa dazu, weil sie Bäume niedertrampeln und Wasserstellen offen halten, die andernfalls zuwuchern würden. Wale, weil sie riesige Mengen Fisch oder Plankton fressen und sie nach der Verdauung an der Oberfläche wieder ausscheiden. Wölfe, weil sie Hirsche und andere Pflanzenfresser davon abhalten, ruhig auf offenen Flächen zu grasen und dabei Schösslinge von Bäumen abzufressen. Karpfen, weil sie beim Fressen den Grund aufwühlen, das Wasser trüben und Nährstoffe so in höhere Wasserschichten gelangen. Allesamt große Tiere. Aber auch manche Regenwurmarten – rund 3000 gibt es auf der Welt – sind ähnlich wirkungsvoll. Biologen haben einen Namen für diese Machertypen: Ökosystemingenieure.

Die Ankunft eines Ökosystemingenieurs bleibt niemals unbemerkt. Denn kommt ein Ingenieur in ein System, in dem er bislang nicht heimisch war, verändert er nicht nur seine eigene Umgebung, sondern auch die aller anderen. Selbst wenn er lediglich unter der Erde kriecht.

Auch in Europa prägen die Würmer den Boden und damit alles, was in und von ihm lebt. Doch im Gegensatz zu Nordamerika bedeckten die Eiszeit-Gletscher den alten Kontinent nur teilweise.

Die Würmer überlebten in Mittel- und Südeuropa, die Pflanzenwelt konnte nach der Verzögerung dort weitermachen, wo sie vor der Eiszeit aufgehört hatte; ihre gesamte Physiologie war angepasst an einen Boden, in dem Regenwürmer Blätter, Samenkapseln und Nadeln in tiefere Schichten zogen und dort verdauten.

Hierzulande gelten die Tiere als einer der besten Indikatoren für einen gesunden Boden – und haben diesen Titel auch verdient. Sie bauen eine fruchtbare Humusschicht auf, durchlüften und lockern den Boden, sorgen dafür, dass Nährstoffe schnell umgewandelt werden und den Wurzeln wieder zur Verfügung stehen. Wenn ein Biobauer in Deutschland stolz verkündet, mehr als 300 Regenwürmer in einem Quadratmeter Boden gefunden zu haben, dann ist das ein beeindruckendes Zeugnis exzellenter Bodenqualität – eine gute Nachricht.