Die Hebamme, das Kind, der Arzt, der Pfarrer, der Tod. Niemand sonst betrat in früheren Zeiten das Schlafzimmer frommer Eheleute. In ihren Betten wurde Leben gezeugt und Leben ausgehaucht, es wurde geboren und gestorben. An keinem Mobiliar lässt sich der Kreislauf des Lebens mit seinen Jahresringen besser ablesen. Hölzern die Wiege, aus Holz auch der Totenschrein. In den langen Jahren dazwischen das Ehebett, Eiche massiv zumeist oder Nussbaum, das den jungen Hochzeitern vom Geld der Brauteltern unter den Leib gezimmert wurde und in dem sie ein Leben lang Freud und Leid miteinander teilen sollten, bis dass der Tod sie schied. Nacht für Nacht, Jahr für Jahr, Seit’ an Seit’, die Bettladen nur durch einen kleinen Graben getrennt. "Im Gräbele schlofa" – wie es in Schwaben heißt, der Gegend, aus der die meisten Schlafzimmer dieser Bilderserie stammen. Als Kind in der Besucherritze zwischen Eltern und Großeltern nächtigen zu dürfen galt als eine besondere Begünstigung, die Neugeborenen, dem Nesthäkchen oder ab und an größeren Kindern zuteil wurde, wenn sie fieberten.

An das alles würde – außer vielleicht einigen versprengten Alltagshistorikern – niemand mehr einen Gedanken verschwenden im Zeitalter der Boxspringbetten, Futons und beheizbaren Wassermatratzen, wo eine elaborierte "Schlafkultur" beinahe schon parareligiöse Züge trägt. Und das in einer schnelllebigen Kultur, in der der "Lebensabschnittsgefährte" Gefahr läuft, samt der nächsten Schlafunterlage gleich mit entsorgt zu werden.

Der Stuttgarter Fotograf Berthold Steinhilber, katholisch sozialisiert, Jahrgang 68, im Zollernalbkreis aufgewachsen, ist kein Nostalgiker. Der Fotokünstler hat in den USA zerfallende Industriestandorte in seinem Stil abgelichtet und den radikalen Wandel der alpinen Landschaft dokumentiert. Er stellt sich die Frage: Wie sieht unsere Zukunft aus, wenn wir uns nicht die Vergangenheit immer wieder vergegenwärtigen? Das hat nichts mit Nachtrauern zu tun. Steinhilbers Fotoserie "Schlafzimmer – das Zimmer der Geheimnisse" kam ihm in den Sinn, als er das Schlafzimmer seiner Großmutter betrat. Sie entstammte einer Generation, in der die Möbel noch nicht fabrikmäßig produziert und mit den wechselnden Moden ausgetauscht wurden. Sie waren Anschaffungen fürs Leben. Bis Ende der 1950er-Jahre war das so. Der Enkel fand eine Welt vor, die heute wie ein anachronistisches Eiland anmutet und sich im Zeitenstrom seit den 1930er-Jahren nicht verändert hat. Fast wie in einem gotischen Gotteshaus, in dem gerade mal die Spendenaufrufe oder die Aushänge am Schwarzen Brett verdeutlichen, dass wir uns in der Jetztzeit befinden. Steinhilber fragte die Nachbarin, ebenfalls in den Mittachtzigern, ob er auch ihr Schlafzimmer fotografieren dürfe. Die Dame willigte ein.

Berthold Steinhilber, dessen Bildsprache mit Sinn für das Sakrale im Profanen und das Profane im Sakralen seine katholische Erziehung schulte, bekam auf diese Weise Zutritt zu einigen dieser Räume. Er fotografierte diese Zeitkapseln unter dem Motto "Die wunderbare Welt der Schlafzimmer". Und das Wort "Wunder" ist tatsächlich hier treffend gewählt, denn diese Orte sind Wunderkammern, über die sich viel über die großen drei – Glaube, Liebe, Hoffnung – erfahren lässt, wo aber auch Trauer und Abschied nicht fern sind. Steinhilber sagte, er habe die Betten "zum Leuchten bringen" wollen, das tat er mithilfe von Taschenlampen. So inszenierte er einen Effekt, wie er etwa dem angeleuchteten Strahlenkranz katholischer Heiligenbildchen entspricht.

In der Tat war dieses Schlafgemach oft der einzige Lichtblick in einem ansonsten eher farblosen Leben. Das mit Stickereien verzierte Paradekissen, ein zur Zierde auf dem eigentlichen Kopfkissen liegendes größeres Kissen, war oft das einzige Glanzstück im Haus. Und das in einem Raum, der außer für die Eheleute nur in Ausnahmesituationen zugänglich war.

Selbst in ländlichen Gebieten mit kargen Böden, wo der magere Grunderwerb noch der Natur abgetrotzt werden musste, wo die mühevolle Ackerei den Dreck unter die Fingernägel schob, war das Schlafzimmer mit dem Ehebett im Zentrum ein Ausweis für einen Rest von Würde. Sitte und Anstand waren dort selbstverständlich gewahrt. – Ein ungemachtes Bett galt als Gipfel der Verwahrlosung, nur Tagedieben konnte das passieren, so ein "wüschtes Nescht" wie es in Schwaben heißt, zu hinterlassen.

Heute würden wir mahnen, bei all der Idylle die Enge nicht zu vergessen, die doch in diesen Räumen herrschte. Keine Ausweichmöglichkeiten gab es. Das gemeinsame Schlafzimmer war der einzige Rückzugsraum in einem Milieu, in dem es keine Privatsphäre gab, diese nicht einmal vermisst wurde, weil all die individuellen Ansprüche, die heute unsere permanent wechselnden Identitätskonstruktionen bestimmen, nicht denkbar waren. Wer alleine schlafen wollte, ein Refugium haben wollte, musste ins Kloster gehen.