Sam Shepard stand im City Lights Bookstore auf der Columbus Avenue in San Francisco, als ich ihn zum ersten Mal sah. Das war im Sommer 1978. Sam war hochgewachsen, hager und hatte den aufmerksamen Blick eines Falken. Ich stand da mit einem Buch von ihm in der Hand, Hawk Moon ...

Wir fingen an, miteinander zu reden, eins führte zum anderen, und bald saß ich in einer der hinteren Reihen des Magic Theatre, im Marina District, wo gerade die Proben zu Buried Child liefen. Sam gab mir ein Manuskript, sodass ich dem Stück folgen konnte, aber schon bald merkte ich, dass ihm nicht so daran gelegen war, dass die Schauspieler dem folgten, was er da geschrieben hatte. Er wollte oft Alternativen hören oder machte selbst Vorschläge, und als ich schließlich das fertige Stück sah, war von dem ursprünglichen Text wenig übrig geblieben. Sam hatte ein unglaubliches Gespür für glaubwürdige Dialoge. Nicht seine Sätze waren ihm wichtig, sondern die Ehrlichkeit seiner Figuren. Und er wusste, wovon er sprach. Er schien jeden seiner Charaktere auf dem Grund seiner Seele zu kennen.

Ich selbst war in dieser Zeit mit der Vorbereitung von Hammett beschäftigt, und Sam kam meiner Idealvorstellung meines Titelhelden verdammt nah. Hammett war handsome, wie es das englische Wort so schön ausrückt, und Sam einer der bestaussehenden Männer, die man sich vorstellen konnte. Ob es ihn interessieren würde, die Hauptrolle in meinem Film zu übernehmen, fragte ich ihn. Die Antwort war eindeutig: "Unbedingt!"

Das Studio war gegen die Idee. Man wolle einen Schauspieler haben, der einen Schriftsteller spielt, keinen Schriftsteller. Aber gut: Wenn ich so überzeugt sei, könne man Probeaufnahmen organisieren. Zwei ganze Tage lang waren wir im Studio, und ich konnte mit Sam Shepard und keinem Geringeren als Gene Hackman als seinem Gegenpart ein halbes Dutzend Szenen drehen und diese anschließend auch schneiden. Es war offensichtlich, augenfällig, selbst für Blinde, dass Sam Shepard nicht nur ein toller Schauspieler war, sondern geradezu unfassbar gut für die Rolle des Hammett geeignet und sowohl glaubhaft als Schriftsteller wie als Detektiv. Das Studio jedoch fand ihn zwar beeindruckend, aber man bestand "auf einem Namen". Sam war damals noch ein no-name, höchstens als aufstrebender Star des Off-Theaters bekannt. Die Antwort war und blieb njet! Und wenn ich mich nicht fügen würde, müsse man halt einen anderen Regisseur suchen. Sam und ich waren untröstlich. Ich hatte tatsächlich erwogen, von dem Projekt abzuspringen, wenn Sam mir nicht zugeredet hätte, dabeizubleiben. "Unsere Zeit wird kommen", meinte er. Und wir haben uns die Hand darauf gegeben.

Als Hammett ins Kino kam, hatte Sam unterdessen seinen ersten Film gedreht. Days of Heaven von Terrence Malick mit Richard Gere und Brooke Adams war ein großer Erfolg und Sam die Entdeckung. Sein Bild hing in jedem Teenagerzimmer.

Unsere Stunde schlug dann vier Jahre später, wieder in San Francisco. Ich hatte im Sommer 1982 ein Drehbuch geschrieben, lose an sein Buch Motel Chronicles mit Kurzgeschichten angelehnt, aber Sam fehlte der rote Faden darin. "We can do better!" Also schlug er mir vor, gemeinsam ein Drehbuch zu entwickeln, "from scratch". Wir haben uns erst mal tagelang nur gegenseitig Geschichten erzählt, um überhaupt herauszufinden, was unser gemeinsames Territorium sein könnte. Dann haben wir es im amerikanischen Westen gefunden, dazu die Rolle eines Mannes, dem es die Sprache verschlagen hatte. Sam arbeitete zu der Zeit selbst als Regisseur an der Uraufführung seines Stücks Fool for Love, wieder am Magic Theatre. Er war ein toller Schauspieler-Regisseur, und auf der Bühne ging es oft hoch her, physisch, handgreiflich, aber immer präzise und mit äußerster Konzentration auf die Glaubwürdigkeit der Charaktere.

Wir schrieben in jeder freien Minute an Paris, Texas. Auch wenn Sam die Rolle des Travis dann nicht spielen wollte, weil er zur selben Zeit, als unsere Dreharbeiten im Sommer 1973 im Süden der USA begannen, hoch oben im Norden den Film Country drehte, zusammen mit Jessica Lange, die er bei der Arbeit an Frances kennengelernt hatte, beide damals unzertrennlich: Aus der Ferne war Sam dabei und hat mir in nächtelangen Telefonaten den Dialog für das Ende des Films diktiert. Wenn Paris, Texas ein Welterfolg wurde, dann sicher auch wegen dieser eindringlichen Schlussszenen zwischen Travis und Jane in der Peepshow.

Sam und ich wurden gute Freunde. Er hatte eine Flugphobie und fuhr grundsätzlich nur mit dem Auto. Wir haben zusammen viele Tausend Kilometer Highway hinter uns gebracht. Gemeinsam gingen wir Don’t Come Knocking an; diesmal schrieb er die Hauptrolle des lonesome cowboy für sich selbst und spielte sie auch. Ein geradezu archetypischer Shepard-Charakter, ein Mann, der auf ein gescheitertes Leben zurückschaut und hofft, zumindest in seinen Kindern etwas richtig gemacht zu haben. Der Ehekrach zwischen ihm und seiner verlassenen Frau (gespielt von Jessica Lange) war unsere beste Szene darin.

Wir haben oft miteinander telefoniert. Zuletzt gesehen habe ich Sam, als er mit Patti Smith zusammen ein Konzert in Dublin gegeben hat. Sam war auch ein großartiger Gitarrist und Schlagzeuger, dem ich einmal meine Dobro geschenkt habe, weil ich es für eine Schande hielt, dass sie an meiner Wand hing, statt von Sam gespielt zu werden. Das Konzert im Abbey Theatre war wunderbar und wollte nicht aufhören.

Sein letztes Buch, The One Inside, hat er mit Patti Smith gemeinsam geschrieben, weil ihm seine Hände nicht mehr gehorchten wegen einer Nervenkrankheit und er nicht mehr auf seiner geliebten Schreibmaschine tippen konnte. Am Telefon war er ungebrochen optimistisch, auch wenn er um den schleichenden Verlauf seiner Krankheit wusste. Und auch wenn sein Atem schleppend ging, kam sein leicht schepperndes, trockenes hohes Lachen wie immer. "Vamos a ver!", sagte er zuletzt.