Sprache ist verräterisch. Wer beispielsweise einen Attentäter, der mit einem Küchenmesser auf Passanten einsticht, als "Widerstandskämpfer" bezeichnen würde, der wäre umgehend als menschenverachtender Idiot entlarvt.

Sprache ist aber auch dann noch verräterisch, wenn sie eigentlich versucht, besonders neutral zu sein. Wer etwa das Wort "Zusammenstöße" nutzt und damit nicht Autounfälle an einer heiklen Kreuzung beschreibt, sondern das, was gerade in Jerusalem passiert, der sagt auch etwas über sich. " Zusammenstöße am Tempelberg", das hört man oft in diesen Tagen, das melden Tagesschau und Deutschlandfunk. Zusammenstöße: Das klingt nach Autoscooter. Nach zwei schwer kontrollierbaren und ein bisschen irre gewordenen Parteien, die gleich viel oder wenig Schuld tragen an der Kollision. Wer dieses Wort benutzt, hält sich in sicherer Äquidistanz zu den Ereignissen, man bleibt damit den Konfliktparteien gleich nah und gleich fern.

Das ist nicht immer angemessen. Nehmen wir mal das, was Freitag vergangener Woche in Hamburg-Barmbek geschehen ist: Ein Terrorist schreit laut Augenzeugen "Allahu Akbar" und sticht auf Passanten ein, bis er von einigen Mutigen gestoppt wird. Wenn man das aus sicherer Äquidistanz beschreiben wollte, dann müsste man sagen: "Zusammenstöße auf der Fuhlsbüttler Straße. Auseinandersetzung zwischen Angreifer und mit Stühlen bewaffneten Anwohnern". Das wäre natürlich kompletter Wahnsinn. Und es würde nicht zuletzt jene Helden beleidigen, die den Attentäter aufgehalten haben. Also sagt das keiner.

Wenn es aber um Terror in Israel geht, scheint Äquidistanz okay zu sein. So rief Sigmar Gabriel, der deutsche Außenminister, vor ein paar Tagen "alle Parteien" in Jerusalem auf, die Lage "nicht weiter anzuheizen". Was im Angesicht der Geschehnisse merkwürdig unparteiisch klingt. Ging doch der neueste Wahnsinn vor drei Wochen los mit einem Mordanschlag. Drei arabische Terroristen töteten zwei israelische Polizisten am Tempelberg. Als Reaktion stellte Israel Metalldetektoren an den Eingängen des Tempelbergs auf, um Waffenschmuggel zu verhindern. Metalldetektoren, wie es sie an jedem Flughafen gibt und sie in Israel, dank islamistischen Terrors, leider zum Alltag gehören. Woraufhin der Leiter der Al-Aksa-Moschee die Sicherheitsvorkehrung als "Erniedrigung" bezeichnete. Andere empfanden sie gar als "Verletzung religiöser Gefühle". Die palästinensische Fatah rief zu einem "Tag des Zorns" auf. Israel baute die Metalldetektoren zur Beruhigung der Lage wieder ab. Der Klügere gibt nach. Doch was passierte? Die Proteste gingen weiter. Vor dem Freitagsgebet, vergangene Woche, bewarf ein aufgebrachter Mob israelische Sicherheitskräfte mit Steinen.

Nun hätte der deutsche Außenminister fragen können, wie genau ein Metalldetektor religiöse Gefühle verletzt. Und ob das auch jene Detektoren können, die in Mekka stehen, an der heiligsten Wallfahrtsstätte der Muslime. Und was im Zweifel schlimmer ist: wenn religiöse Gefühle verletzt oder wenn Menschen getötet werden. Gabriel hätte die Palästinensische Autonomiebehörde dazu auffordern können, die Lage zu beruhigen und endlich den Märtyrerfonds einzustellen, mit dem Angehörige von Attentätern alimentiert werden. Was nicht weniger ist als ein permanenter Mordaufruf. Und er könnte prüfen lassen, ob deutsche Hilfsgelder antisemitische Hetze an palästinensischen Schulen finanzieren. Noch immer werden die Kinder dort unwissend gehalten mit Landkarten, auf denen Israel nicht existiert.

Schließlich hätte sich Gabriel fragen müssen, ob es den zornerfüllten Palästinensern am Tempelberg tatsächlich um die Beseitigung von Metalldetektoren geht. Oder nicht eher um die Beseitigung eines Staats. Einmal hätten wir beweisen können, was es praktisch bedeutet, dass die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson gehört.

Wenn aber schon Empathie und Wille fehlen, sich in die Lage eines Freundes zu versetzen, so müsste Deutschland wenigstens aus Egoismus an der Seite Israels stehen. Ist es doch der gleiche Feind, derselbe mit Lkw und Messern bewaffnete Wahnsinn, der uns in Europa bedroht. Zwar in geringerem Ausmaß. Aber mit ähnlicher Perfidie. Mit derselben Mischung aus Selbstgerechtigkeit, Männerkult und Blutrunst.

Es ist auch eine Frage der Sprache, wie wir mit dieser Bedrohung umgehen. Denn Sprache ist nicht nur verräterisch, sie gewährt uns auch die Möglichkeit zum Bekenntnis.

Ein Anschlag ist ein Anschlag. Terror ist Terror. Und Islamismus ist Islamismus. Egal ob er in Jerusalem wütet oder in Hamburg-Barmbek.