Angst vor großen Namen hatte hier von Anfang an niemand. Den Stürmer Luís Fabiano und die hängende Spitze Jádson, beides brasilianische Nationalspieler, hat man in Chinas Nordosten gelockt. Ebenso deren Landsmänner Geuvânio und Vanderlei Luxemburgo. Ersterer kam als Rechtsaußen-Talent vom Pelé-Club FC Santos, Letzterer hatte vorher schon Real Madrid trainiert. Was solch prominentes Personal erst richtig unglaublich macht: Alle standen beim Senkrechtstarter-Club Tianjin Quanjian unter Vertrag, als dieser noch in der zweiten chinesischen Liga kickte. Und alle sind nun, wo der Aufstieg ins Oberhaus gelungen ist, auch schon wieder verabschiedet.

In diesem Verein, so scheint es, sind die meisten Spieler Durchlaufposten. Es passt zur Stadt, in der der Club mittlerweile ansässig ist: Tianjin, mit 14 Millionen Einwohnern größer als London, ist eines der Industrie- und Handelszentren Chinas. Von seiner Schönheit wird weniger gesprochen als von seinem Reichtum. Modern ist das Stadtbild, großspurig und sauber, nicht historisch, denn Tianjin ist schnell gewachsen. So ähnlich ist auch sein großer Fußballclub. Der kam erst vor Kurzem hinzu, und zwar wie so vieles durch Handel. Gegründet 2006 in der Provinz Hohhot, wechselten Name und Besitzer seitdem mehrmals. Nun steht Quanjian Natural Medicine, ein Anbieter traditioneller chinesischer Medikamente, hinter der Mannschaft, in der Anthony Modeste jetzt spielt.

Shu Yuhui, der den Club erst seit 2015 leitet, scheint keinen großen Kurswechsel im Sinn zu haben. Öffentlich hat der Unternehmer schon erzählt, dass er gerne Wayne Rooney von Manchester United, Diego Costa vom FC Chelsea und Pierre-Emerick Aubameyang von Borussia Dortmund verpflichten würde. So, denkt sich Shu Yuhui, kriegt er die 30.000 Plätze im Haihe Educational Football Stadium endlich besetzt, so will er treue Fans an den Club binden: mit kurzfristigen Stareinkäufen, aber langfristigem Erfolg. Immerhin steht Tianjin Quanjian als Aufsteiger auf dem dritten Tabellenplatz. Das würde für die Teilnahme an der Asian Champions League reichen. Hier schießt Geld bisher Tore. Und es sollen ja noch mehr fallen. Yuhui hat die Meisterschaft im Visier.

Die Stars im aktuellen Kader waren bis jetzt der Belgier Axel Witsel, an dem auch Bayern München interessiert sein soll, und der brasilianische Nationalspieler Alexandre Pato. Am Bundesliga-Torschützenkönig Pierre-Emerick Aubameyang wird weiter gezerrt. Immerhin: Neben Anthony Modeste wurden diesen Sommer mit den drei Chinesen Yuan Zhang, Yumiao Qian und Shuai Pei auch so etwas wie Perspektivspieler verpflichtet. Von ihnen ist der defensive Mittelfeldspieler Shuai Pei mit 24 Jahren klar der Älteste, dafür hat er aber auch schon für Chinas Nationalmannschaft gespielt. In Tianjin, heißt es, will man ja behutsam in die Zukunft des heimischen Fußballs investieren.

Leider gibt es eine Sache, die bei Spielen von Tianjin Quanjian auch auffällt. Wie die meisten Mannschaften der Chinese Super League ist die Truppe offensiv wesentlich stärker als defensiv. Das liegt vor allem daran, dass die chinesischen Clubs während ihrer Einkaufstouren der vergangenen Transferperioden ihre Vorliebe für Torjäger und -vorbereiter offenbarten. Mit dem Einkauf von Anthony Modeste und den weiteren Bemühungen hat sich das mal wieder bestätigt. Von Modeste, obwohl auch er ein Stürmer ist, verspricht man sich jetzt aber mehr als nur Tore. Auf der Clubwebsite heißt es zum Transfer: "Wir sind überzeugt, dass er unsere taktischen Fähigkeiten verbessern wird."

Nicht nur beim Spielerkader wirkt die Personalpolitik etwas wild. In den elf Jahren Clubgeschichte wurden, trotz des recht raschen Aufstiegs, zwölf Trainer verschlissen. Seit einem Jahr steht der Italiener Fabio Cannavaro unter Vertrag, Weltfußballer und Weltmeister 2006, der zuvor Ligakonkurrent und Rekordmeister Guangzhou Evergrande trainierte. Nicht auszuschließen, dass Cannavaro auch im Erfolgsfall bald schon wieder verschwindet. Oder aber: dass sein Arbeitgeber Tianjin Quanjian verschwindet. Letzte Woche kam raus, dass 13 der 16 chinesischen Erstligisten mit Gehaltszahlungen im Rückstand sein sollen, der neue Club von Anthony Modeste gehört möglicherweise dazu. Es droht der Lizenzentzug. An der Nordostküste Chinas bliebe damit irgendwie alles beim Alten: Die wertvollsten Posten des Vereins wären schnell wieder weg, eben wie üblich im großen Hafen von Tianjin.