Kauern in einem Raum, der sich immer weiter verengt. Die Decke senkt sich, die Wände rücken heran, nur Zentimeter trennen sie vom eingeschlossenen, panisch zusammengekrümmten Körper. Es gibt keinen Ausweg, kein anderes Gefühl als Angst vor dem vollständigen Erdrücktwerden.

An diesen Albtraum erinnert der Fall des 71-jährigen Berliners Heinz S., der in der Nacht vom 23. auf den 24. November 2016 seinen moribunden Lebenspartner Jürg L. auf entsetzliche Weise umbrachte und anschließend versuchte, sich selbst das Leben zu nehmen. Die Idee, ihrer elenden Lage so zu entkommen, war nicht neu. Schon im Sommer, als Jürg nur noch mühevoll sprechen, kaum gehen, sich nicht mehr allein anziehen und nicht mehr allein zur Toilette gehen konnte, hatten die beiden Männer sie vage erörtert. Heinz S. hatte Varianten vorgeschlagen. Schlaftabletten? Schweiz? Jürg sagte: "Jetzt noch nicht." Entscheide du, könnte damit gemeint gewesen sein, ob und wann es sein muss. Dass Heinz S. die Entscheidung ausgerechnet in dem Moment traf, da sich der Raum einen Spalt breit zu öffnen versprach, wirkt auf den ersten Blick widersinnig.

Im Jahr 2008 erkrankt Jürg L. an Prostatakrebs. Nach der Operation erholt er sich nicht mehr, im Gegenteil. Gleichgewichtsstörungen, Schluckbeschwerden, Depressionen stellen sich ein. Am Ende einer Odyssee durch neurologische Kliniken wird im Mai 2015 bei ihm eine atypische, besonders progressive Form von Parkinson diagnostiziert. Lebenserwartung: maximal zwei Jahre. "Schieb mich nicht ab", fleht Jürg den Freund an. Das verhängnisvolle Versprechen, das dieser gibt, den Schwerkranken bis zum Ende allein zu pflegen, verdammt Heinz S. nicht nur zu unsäglicher Überanstrengung, sondern auch zu sozialer Isolation. Jürg will keine Bekannten mehr treffen, niemand außer Heinz an sich heranlassen. Richtige Freundschaften hat das Paar ohnehin nicht.

"Mein Leben", erklärt S. später dem Gericht, "bestand darin, an seinem Bett zu sitzen und auf Zurufe zu warten." Es ist ein Leben auf dem Planeten Krankheit, den nur zwei Menschen bewohnen, gefangen in einer fatalen Logik innigster Zweisamkeit: Je rabiater die Tragödie nach ihr greift, desto stärker verwandelt sie sich in eine Symbiose, die keinerlei Außenwelt mehr zulässt. Die beiden Männer haben, als die Katastrophe hereinbricht, fünfzig glückliche Jahre miteinander verbracht. Sie münden zuletzt in einen Prozess vor dem Berliner Kriminalgericht. Heinz S. ist der Angeklagte, der Vorwurf lautet Totschlag.

Im August 2015 ziehen die Männer in ein Zweizimmerappartement der Seniorenresidenz Nova Vita im Berliner Stadtteil Wilmersdorf. Ein Paar, Arzt und Ärztin, das sie beim Verkauf ihrer Eigentumswohnung zufällig kennenlernen, sind die einzigen Personen, zu denen sie Kontakt halten – und offensichtlich auch die einzigen, die irgendwann erfassen, dass Heinz S. am Ende seiner Kraft ist. Viermal in der Nacht weckt ihn Jürg mit einer Klingel, weil er zur Toilette muss. Viermal hievt S. den Kranken aus dem Bett, bringt ihn ins Badezimmer, hebt ihn wieder hoch, wäscht ihn. Monatelang geht es so, bis es eben nicht mehr geht und beide halbherzig einwilligen, dass der Pflegedienst der Seniorenresidenz wenigstens die Nächte übernimmt.

Am Morgen des 22. November 2016, einem Dienstag, erscheinen die Leiterin des Pflegedienstes, eine Krankenschwester und ein Hilfspfleger zum Gespräch im Appartement. Auch der befreundete Arzt ist anwesend – auf sein Drängen kam das Treffen überhaupt zustande. Heinz S. wirkt erregt, aufgewühlt. Die wahre Dimension seiner Panik aber ist für niemanden zu erkennen: Ohne Hilfe kann er keinen einzigen Tag weitermachen, mit ihr aber glaubt er die Liebe seines Lebens zu verraten, indem er sein Versprechen bricht. Denn was nicht sein darf – die Auslieferung des Kranken in fremde Hände –, steht nun unmittelbar bevor. "Ich wusste", erklärt Heinz S. den Richtern, "dass Jürg so nicht leben wollte." Am darauffolgenden Donnerstag soll, so wird vereinbart, um 12.30 Uhr ein Duschrollstuhl in das Appartement gebracht werden. Heinz S. muss diesen Termin nicht als ersten Schritt der Erleichterung, sondern als den Endpunkt betrachtet haben, an dem sich der Albtraum erfüllt. "Ich wollte meinen geliebten Jürg ganz sanft von seinem Leiden erlösen." Es wird alles andere als sanft.

Am Mittwochabend verabreicht er Jürg drei Schlaftabletten, nicht wie sonst eine. Irgendwann nachts drückt er dem Schlafenden ein Kissen aufs Gesicht. Bis hierhin erinnert die Szenerie an Michael Hanekes preisgekrönten Film Liebe, in dem ein alter Mann seine schwer demente Ehefrau mit einem Kissen erstickt, um ihr die letzte qualvolle Strecke des Siechtums zu ersparen. Ihr Oberkörper bäumt sich kurz auf, dann ist es vorbei. Ähnlich mag sich der Tötungsvorgang in der Fantasie von Heinz S. abgespielt haben, aber es kommt anders. Jürg erwacht und wehrt sich heftig. Er schreit und fleht, Heinz möge von ihm ablassen.

Was nun geschieht, muss man sich als wahres Gemetzel vorstellen. Heinz S. holt ein Messer und beginnt auf den Hals des Schwerkranken einzustechen. Der Obduktionsbericht dokumentiert Abwehrverletzungen an Armen und Händen des Opfers. Schließlich fügt Heinz S. dem Kranken zwei tiefe, bis in die Bauchhöhle führende Messerstiche im Brustbereich zu. Obendrein zieht er ihm eine Plastiktüte über den Kopf. Jürg L. stirbt 69-jährig binnen weniger Minuten.

Dann umarmt Heinz S. den Toten, legt ihm sein Lieblingskuscheltier in den Arm und schreibt eine Mail an den befreundeten Arzt, in der er die Tat erklärt. Anschließend verfasst er ein handschriftliches Testament, in dem er das Ärztepaar als Erben einsetzt. Die verzweifelte Brutalität, mit der er den Partner tötete, wiederholt sich beim nun folgenden Suizidversuch: S. schluckt mehrere Schlaftabletten, verklebt sich den Mund mit einem doppelseitigen Klebeband, damit seine Schreie nicht zu hören sind, greift zu einem Messer und fährt mit der Klinge wahllos über die Innenseite seiner Handgelenke. Als das homosexuelle Seniorenpaar am Donnerstag nicht zum Frühstück erscheint und auch um 12.30 Uhr nicht öffnet, verschaffen sich die Krankenschwester und der Hilfspfleger mit einem Generalschlüssel Zutritt zum Appartement. Heinz S. ist nicht ansprechbar, aber noch am Leben. Zwei Tage später wird er im Krankenhaus verhaftet.

Ein fragiler, um Fassung ringender Mann sitzt im Sommer 2017 auf der Anklagebank. Heinz S. ist schwerhörig. Dies, vor allem aber sein zittriger Gesamtzustand haben ihn bewogen, sich mit einer schriftlichen Erklärung einzulassen. Er beginnt, sie zu verlesen. Schon bei der Schilderung, wie er und Jürg sich Mitte der sechziger Jahre in der legendären Berliner Schwulenbar Kleist-Kasino begegneten und spontan verliebten, versagt ihm die Stimme. Für Momente ist im Saal nur sein gepresstes Schluchzen zu hören. Der Verteidiger liest für den Mandanten weiter. Mit keiner Silbe versucht Heinz S., sein Motiv als Tötung auf Verlangen umzudeuten. Aber so entschlossen er auch ist, sich die Alleinverantwortung für sein Handeln zu geben, so unfassbar scheint ihm dessen Ungeheuerlichkeit gleichzeitig zu sein. Als vernehme Dr. Jekyll, was er als Mr. Hyde verbrochen hat.