Kann man sich mit ironischer Distanz in die deutschen Popcharts singen? Das Beispiel Andreas Dorau zeigt, dass es nicht leicht ist. Als der Hamburger kürzlich sein zehntes Album veröffentlichte, schien die hohe Chart-Position garantiert. Dorau hatte nämlich nicht nur zwischen Disco und Schlager lustig herumhüpfende, poppige Songs aufgenommen, sondern gleich zwanzig Stück davon, was ausDie Liebe und der Ärger der Anderen (Staatsakt) im Grunde ein Doppelalbum macht.

Seit bei der Charts-Ermittlung die Statistiken von Streaming-Diensten wie Spotify mit einberechnet werden, erreichen Alben mit 15 oder mehr Songs deutlich höhere Plätze als weniger ausladende Werke. Einfacher Grund: Erstere generieren pro Album-Hördurchgang mehr Streams. Kurz: Dorau wollte endlich mal wieder hoch in die Charts – nachdem seine Karriere 1981 im Alter von 16 mit dem NDW-Hit Fred vom Jupiter steil begonnen hatte und er 1996 in Frankreich mit seiner Euro-Dance-Single Girls In Love in den Top-Ten stand. Zwei Wochen nach Erscheinen aber: Ernüchterung. Platz 56 in den Offiziellen Deutschen Charts.

Der Erfolg im Misserfolg könnte zu Gedanken darüber ermuntern, wann ein Hit ein Hit ist, beziehungsweise warum manche Hits eben nicht zu Hits werden. Auffällig ist, dass Dorau im Eröffnungssong die Hit-Formel von jüngeren deutschen Chart-Erfolgen nachstrickt: Lagerfeuer-Klampfe, Stampfbeat wie aus dem Deep-House-Club, süße Mitpfeif-Melodie.

Nur fällt es Dorau, weil er eben ein ewiger Lausbub und Besserwisser ist (eine komplizierte Mischung), sehr schwer, die nötige textliche Schlichtheit zu erreichen. Sein Refrain klingt zunächst so, als sei er die perfekte Mithops-Musik für die Beach-Clubs von Warnemünde bis Palma: "Liebe ergibt keinen Sinn, mal macht sie Freude, dann ist sie wieder sehr schlimm". Aber dann streut Dorau die Beobachtung ein, Liebe sei ein "bourgeoises Konstrukt".

Aus ist es mit der Hit-Chance!

An anderer Stelle, im perlenden Song Stadt aus Musik, wiederholt er das Wörtchen "abstrakt". Nein, in deutschem Charts-Pop darf nichts "abstrakt" und auch nichts "bourgeois" sein, es muss ans Herz gehen und darf nicht abgehoben wirken.

Steht der Mann sich selbst im Weg? Vielleicht. Wobei dies dann eben Musik für die wahren Dorau-Fans ist, nämlich Pop für Menschen, die Pop eigentlich gar nicht so mögen oder die Pop eher als Idee schätzen, diese Idee aber nicht mit allzu vielen anderen teilen wollen.

Wie will man das nennen: Meta-Pop? Dorau nähert sich seinem Gegenstand, dem Popsong, wie ein Wissenschaftler. Er seziert ihn, dreht und wendet ihn, wirft Worte hinein und schaut, was passiert. Gleichzeitig hält er die Distanz des Humoristen.

Nur so ist zu erklären, dass Dorau, statt Trübsal über den mäßigen Erfolg seines Albums zu blasen, in zwei Wochen bei dem Festival Pop-Kultur in Berlin wieder Neues präsentieren wird, nämlich: "Ein Abend ohne Strophen".

Tatsächlich will er ein gesamtes Live-Programm nur mit frisch komponierten Refrains bestreiten, also ohne Intros, Bridges und wie man die ganzen Teile eines Popsongs, die nicht in die Mitte gehören, in der Fachsprache nennt. Hook an Hook, Höhepunkt an Höhepunkt, oder wie das Programmheft meint: "die Essenz von Hits in kurzen Miniaturen".

Mit Hits sind hier natürlich keine richtigen Hits gemeint, sondern Kompositionen, die als Hits gedacht sind. Das ist, typisch Dorau, mal wieder eine sehr konzeptuelle Herangehensweise an Pop. Und vermutlich mega-meta-lustig.