In deutschen Ohren mag das vernünftig klingen, in Frankreich aber ist die Erwartung an die Regierenden eine andere: Der Präsident soll vor den Zumutungen der Wirklichkeit bewahren. Er soll mit den Franzosen umgehen wie ein Vater mit seinen Kindern: Papa sorgt für euch, ihr müsst euch keine Sorgen machen. Deshalb gehören Schein und Heimlichkeit und Uneingestandenes zur französischen Politik dazu, so wie die dunklen, schmutzigen Flure, die in den Amtspalästen hinter den prachtvollen Sälen verlaufen.

Diese Tradition hat zusammen mit der Fünften Republik Charles de Gaulle begründet, der so weit ging, einen Krieg in Indochina zu führen, nur damit in Frankreich nicht das vollkommen angemessene Gefühl aufkommen konnte, die Macht des Kolonialreichs schwinde. 130.000 gefallene Kombattanten aufseiten der französischen Armee und 200.000 Tote bei der Viet Minh war De Gaulle das wert und so viel Geld, dass das Land den Bankrott riskierte.

Seither hat es noch jeder Präsident so gut wie möglich vermieden, mit den Franzosen offen zu sprechen. Wer auch immer Frankreich regiert, schreibt der Historiker Marcel Gauchet, setzt sich eine Maske auf.

Macron aber hat sich zum Ziel gesetzt, die Dinge beim Namen zu nennen. So sagte er zum Beispiel im Wahlkampf, Frankreich habe im Algerienkrieg "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" begangen. Er meinte damit Folter und Massaker durch französische Soldaten. Die Empörung war groß, Macrons Umfragewerte litten, er musste relativieren, die Debatte war schneller vorbei, als sie angefangen hatte. Frankreichs Geschichte mit Algerien ist noch nicht bereit für klare Worte.

Die eigentliche Zumutung der Jetztzeit liegt aber woanders, nämlich in der bitteren Erkenntnis, dass der starke Staat Frankreich nicht mehr alle versorgen kann, wenn er nicht auch mit ein paar Einnahmen rechnen kann. Oder kurz gesagt: Papa ist bald pleite, und alle müssen sich ein bisschen mehr anstrengen.

Wenn es klappt und die daddyhafte Tradition der französischen Politik sich nun langsam überleben sollte, werden die Franzosen auch nicht mehr über das Haushaltsgeld der Gattin streiten. Dann könnte der Präsident gar eine Frau sein und die Première Dame ein Mann, und jedem leuchtete sofort ein, dass dieser Job hart ist.

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