Wir sind keine halbe Stunde mit Hassan im Gespräch, als ein junger Mann im Auto vorfährt. "Achtung", raunt Hassan, "der ist bei der Hisbollah." Er begrüßt den Bekannten mit den üblichen Küsschen und stimmt pflichtschuldig das Loblied auf die "Partei Gottes" an. Fromm wie deren Kämpfer und Führer nun einmal seien, lasse sie die Finger von Drogengeschäften. Der Bekannte, der sich als Computerfachmann ausgibt und bereits einen Kampfeinsatz in Syrien hinter sich hat, nickt zufrieden. Die offizielle Position der Hisbollah ist damit klargestellt – und Hassan fährt mit seinen Erläuterungen zu den Einzelheiten des Captagon-Geschäfts fort.

Die Herstellung? "Sehr einfach. Du brauchst eine Maschine zur Produktion von Bonbons. Die baust du ein wenig um." Solche Maschinen, made in China, seien für weniger als 2000 Dollar zu haben, die Zutaten für die Pillen oftmals legal in Apotheken zu kaufen. Amphetamine aller Art, Koffein, Hefe, Laktose und "manchmal auch ein bisschen Viagra". Die Herstellungskosten belaufen sich auf wenige Cent pro Stück. Die Pillen werden gestanzt, abgepackt, mit verheißungsvollen Namen wie "Tiger", "Maserati" oder "Ronaldo" versehen und auf eine der zahlreichen Schmuggelrouten gebracht. Am Ende zahlen Konsumenten 20 Dollar und mehr pro Tablette. Eine traumhafte Gewinnspanne.

Captagon – auch da hat Hassan recht – ist eine deutsche Erfindung. Allerdings nicht aus der Zeit des Nationalsozialismus, sondern aus den Wirtschaftswunderjahren. Anfang der Sechziger ließ sich der Degussa-Konzern den Wirkstoff Fenetyllin patentieren und brachte ihn unter dem Namen Captagon als Medikament gegen ADHS, Narkolepsie und Depression auf den Markt. Doch was damals auf dem Beipackzettel als "zentral anregende Wirkung" angepriesen wurde, machte die Patienten abhängig.

Anfang der achtziger Jahre wurde Captagon in den USA, später auch in Europa verboten – und damit für kriminelle Netzwerke interessant. Die nunmehr illegale Produktion wanderte erst nach Bulgarien und in die Türkei. Mit dem ursprünglichen Medikament hatten die Pillen da schon nicht mehr viel zu tun. Die wenigsten enthielten noch Fenetyllin, stattdessen wurden in unterschiedlich starker Dosierung andere Amphetamine beigemischt. 2006 hoben bulgarische und türkische Behörden zahlreiche Captagon-Küchen aus, doch kurz darauf tauchten neue auf: im Libanon. Und einiges deutet darauf hin, dass es die Hisbollah war, die als erste Gruppe im Nahen Osten den Stoff systematisch produzierte und verkaufte.

Im Sommer 2006 hatte sich die "Partei Gottes" einen vierwöchigen Krieg mit dem Erzfeind Israel geliefert. Schiitische Wohngebiete wurden von der israelischen Luftwaffe zerstört. Der Iran, von dessen Finanzhilfen die Hisbollah seit jeher abhängt, investierte in den Wiederaufbau. Teherans Revolutionsgarden sollen damals auch Maschinen zur Herstellung von Captagon geliefert haben, um ihren libanesischen Verbündeten zu schnellem Geld zu verhelfen. So berichtete es die internationale Tageszeitung Asharq Al-Awsat. Aus derselben Zeit stammt nach Zeugenaussagen im Zuge libanesischer Ermittlungen eine Fatwa – ein religiöses Rechtsgutachten, das offenbar für den internen Gebrauch der Hisbollah bestimmt ist. Dieses legitimiere die Produktion und den Verkauf von Drogen, solange die Kunden keine Schiiten seien. In der Zeit danach stieg der Konsum in Nahost stetig an. Auch in Syrien.

Die türkische Stadt Kilis liegt nur wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Hier lebt, in einem luxuriösen zweistöckigen Haus, ein 38 Jahre alter, korpulenter Mann, der sich "der Falke" nennt. Er trägt eine teure Uhr der Marke Rado, auf der Einfahrt zu seinem Grundstück parken ein Audi und ein BMW. "Von hier aus", sagt er, "kann ich mein Geschäft optimal steuern." Seine drei Mobiltelefone klingeln ständig. Bis vor einem Jahr war "der Falke" noch Autohändler im syrischen Rakka. Dann versprach ihm einer seiner Kunden lukrativere Einnahmen im Drogengeschäft. "Der Falke" setzte sich in die Türkei ab und verkauft seither Captagon. "Am Anfang wusste ich nicht viel über das Zeug, aber ich erkannte, dass ich sehr schnell sehr viel Geld verdienen kann", sagt er. Vor dem Beginn des Bürgerkriegs, behauptet "der Falke", habe es in Syrien kaum Drogen-Konsumenten gegeben. Heute sei Captagon "fast so verbreitet wie Zigaretten".

Das UNODC stufte Syrien tatsächlich lange als Transitland und nicht als Absatzmarkt für Drogen ein. Der Krieg aber brachte neue Abnehmer: Kämpfer putschen sich an der Front auf. Zivilisten schlucken die Amphetamine gegen Erschöpfung, Traumatisierung und Depression. Weil kaum jemand die Schwarzmarktpreise bezahlen kann, ist in Syrien inzwischen eine billig zusammengemischte Variante mit dem Spitznamen "farawla" erhältlich, auf Deutsch "Erdbeere". Sie kostet um die sieben Dollar pro Pille.