Nach diesem Kalten Krieg könnte sich Asien noch zurücksehnen: Ein Jahrzehnt lang war die Politik auf dem Kontinent von der Rivalität zwischen China und den Vereinigten Staaten bestimmt. Zwischen einer aufsteigenden Großmacht und einer, die ihre Vorherrschaft verteidigt. Ein riskantes, aber überschaubares Spiel.

Mit Donald Trump hat die Klarheit ein Ende. Seiner politischen Herkunft nach ist er ein China-Hasser. Auf die Frage, welches Land er als Präsident zuerst "in den Hintern treten" würde, erklärte er schon 2011 in einem Interview: "Ich würde sagen, China ist die Nummer eins" – als angebliche Abzockernation, die Amerika Jobs und Marktanteile stiehlt. Nach seinem Amtsantritt hat Trump stattdessen Peking erst einmal umworben, weil er auf Hilfe beim Problem Nordkorea hoffte. Später fühlte er sich von Staatschef Xi betrogen: "Ich bin sehr enttäuscht von China", twitterte Trump Ende Juli, nach dem jüngsten Raketentest des Diktators Kim Jong Un. Gut möglich indes, dass der Präsident morgen die nächste Kehrtwende macht. Diese neue amerikanische Unzuverlässigkeit hat für den Kontinent dramatische Folgen.

Asien steht unter politischem Stress. Der Aufstieg Chinas ist ein welthistorischer Umbruch, vergleichbar mit dem Eintritt der USA in ihre Weltmachtrolle um 1900. Der langfristige Erfolg Chinas ist nicht gesichert, aber schon jetzt erschüttert und verwandelt es die gesamte Region, von Karachi bis Kyoto. Es steht im Mittelpunkt der Ängste und Hoffnungen. In Nepal oder Sri Lanka, auf den Philippinen oder in Australien versprechen chinesische Investitionen mehr Wohlstand – und wecken die Besorgnis, politisch abhängig zu werden. Chinas Flotte, Chinas Engagements, Chinas Ehrgeiz: Sie wachsen und wachsen.

Die Pekinger Gipfelkonferenz im Mai zur neuen "Seidenstraße" von Infrastrukturprojekten, mit denen China Asien integrieren und den Kontinent mit dem Rest der Welt verbinden will, war die spektakulärste Show einer Großmacht in unserer Zeit: 28 Staats- und Regierungschefs, Delegierte aus mehr als hundert Ländern, über 70 Milliarden Euro an frischen Investitionszusagen – zusätzlich zu den Summen, die vorher schon angekündigt waren, darunter allein etwa 50 Milliarden für einen "Chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridor". Schätzungen für das Gesamtvolumen der Seidenstraßen-Pläne kommen auf mehr als 750 Milliarden Euro.

Die Wucht des chinesischen Auftritts muss von einem Erdteil verkraftet werden, in dem es an Vertrauensbeziehungen fehlt. "Asien", sagt der ehemalige Regierungsberater Hugh White, der an der Universität Canberra lehrt, "hat keine Tradition der strategischen Kooperation." White, einer der besten geopolitischen Köpfe der Pazifik-Region, denkt nicht etwa an die moderne europäische Integration als Vergleichsmaßstab – selbst ein nüchtern kalkuliertes, auf Eigennutz beruhendes System wie das Gleichgewicht zwischen den europäischen Großmächten im 19. Jahrhundert hat in Asien nie existiert. Erst recht lässt sich keine Regionalorganisation wie die südostasiatische Asean oder die pazifische Apec mit einem Bündnis wie der Nato oder gar einem Staatenverbund wie der EU vergleichen. Schuld und Bitterkeit, die Erblasten der Geschichte, sind in Asien oft unbewältigt und vergiften die Beziehungen. Die Nachbarn Japan und Südkorea etwa sind beide besorgt wegen Nordkorea und beide enge Verbündete der Vereinigten Staaten. Aber zwischen ihnen steht die Erinnerung an Japans brutale Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg. Sie trauen einander nicht und würden von sich aus kaum miteinander reden. Jedes bisschen Kooperation läuft über Washington oder muss von den Amerikanern erzwungen werden.

So ist in Asien eine sicherheitspolitische Ordnung entstanden, in der sich im Grunde alles um die Vereinigten Staaten dreht. In Japan und Südkorea sind über 50.000 amerikanische Soldaten stationiert. Dem Pazifik-Kommando der US-Streitkräfte auf Hawaii unterstehen etwa 300.000 Frauen und Männer aller Waffengattungen. Es verfügt über rund 1.500 Kampfflugzeuge, mehr als 100 Kriegsschiffe und fünf Flugzeugträgergruppen. Das amerikanische Militär kann Häfen und Stützpunkte in Singapur, Australien und auf den Philippinen nutzen. Vor allem jedoch haben die Vereinigten Staaten ein Netz von Beziehungen über den Kontinent gelegt – von formellen Bündnissen wie mit Thailand bis zu freundschaftlichen Beziehungen mit Staaten wie Vietnam oder der Mongolei, die von ihrem großen Nachbarn China nicht erdrückt werden wollen. Selbst Indien, das auf seine Unabhängigkeit stolz ist und nie in eine offizielle Allianz eintreten würde, hat sich seit Langem darauf verlassen, dass die Amerikaner aus eigenem Supermachtinteresse Peking in die Schranken weisen würden. Das gesamte System hängt in einer existenziellen Unmittelbarkeit von den USA ab, wie sie in Europa seit dem Ende des Kalten Krieges und dem Untergang der Sowjetunion nicht mehr besteht.

Trump liebt militärische Stärke, aber wie viel sein Amerika politisch und diplomatisch noch in dieses System investieren will, ist vollkommen ungewiss. Am Fall Nordkorea scheint den Präsidenten allein die direkte Gefahr für das Territorium der Vereinigten Staaten zu interessieren. Falls er den nuklearen Pariastaat wirklich angreifen sollte, um eine Bedrohung der USA durch Interkontinentalraketen zu verhindern, könnte er damit desaströse Vergeltungsschläge gegen den Alliierten Südkorea provozieren. Es wäre ein gespenstischer Anwendungsfall der Parole "America first".

Indem Washington sich vom pazifischen Handelsabkommen TPP verabschiedete, hat es China nicht bloß die faktische Führungsrolle in der ökonomischen Integration Asiens zugestanden. Die Abkehr Amerikas vom Pariser Abkommen hat Peking zudem einen Gewinn an Prestige und Legitimität verschafft, von der die kommunistische Parteidiktatur jahrzehntelang nur träumen konnte. So sieht es Vikrom Mathur, der in der indischen Observer Research Foundation, einem Thinktank in Neu-Delhi, das Klimaprogramm leitet: "Jetzt stehen die Chinesen auch moralisch gut da, was bisher immer ihre Schwäche war." Für Europäer oder Lateinamerikaner ist das eine interessante, auch irritierende Beobachtung. Für die skeptischen Nachbarn Chinas ist es eine weit ernstere Sache: die zusätzliche Aufwertung einer Macht, die ihnen ohnehin schon zu mächtig ist.