Was vor Kurzem noch Sperrmüll war, ist jetzt wieder heiß begehrt. Ab 220 Euro pro Nacht schlafen Gäste in Zimmer 509 im Wiener 25hours Hotel. Neben Blick auf das Parlament bekommen sie dafür einen winzigen Röhrenfern-seher, unter dem sich alte Videokassetten stapeln. Auf dem Sekretär steht eine Schreibmaschine mit eingespanntem Papier parat, in der Vinylsammlung reiht sich Beethoven an Ernst Molden, daneben liegt eine betriebsbereite Polaroidkamera. Das Zimmer komme bei den Gästen so gut an, dass nun ein zweites mit "analogen Gimmicks" ausgestattet werde, sagt Roland Eggenhofer, Salesmanager des Hotels. Seine Erklärung: "Es wächst der Wunsch, die Welt wieder weniger digital wahrzunehmen, sondern richtig zu erleben."

Angreifen, Tasten und Riechen statt Wischen und Scrollen: Der digitale Fortschritt hat sein Gegenteil wiederbelebt. In der Musikbranche ist die Rückkehr des Analogen augenscheinlich: In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Absatz von Schallplatten in Österreich verdreifacht. Mehr als 300 000 Stück Vinyl wurden 2016 gekauft, so viele wie zuletzt im Jahr 1993. Gleich um 25 Prozent stieg der Umsatz allein im Vergleich zum Jahr davor.

Vor 25 Jahren war der Weinviertler Heinz Lichtenegger einer der wenigen, der noch an Vinyl glaubte. Heute ist seine Firma Weltmarktführer bei analogen Plattenspielern. "Ich rechne mit Zuwachsraten von 20 bis 30 Prozent", sagte Lichtenegger im vergangenen Jahr.

Doch die Antithese zur hypertechnologischen, virtuellen Welt beschränkt sich nicht nur auf die Platten, die in Wohnzimmern angesammelt werden. Neben Tablets liegen ledergebundene Notizbücher, trotz immer besserer Smartphone-Linsen boomen Sofortbildkameras, und obwohl Computerspiele zunehmend so perfekt werden, dass die virtuelle Welt kaum von Filmaufnahmen zu unterscheiden ist, trifft man sich wieder zum Spielen am Tisch. In Wien Josefstadt gibt es gleich zwei Brettspielbars in unmittelbarer Nähe, die abends voll sind von jungen Menschen, die Kärtchen ziehen, würfeln und Figuren verschieben. Beim Wiener Spielehersteller Piatnik spricht man von Wachstumsraten im zweistelligen Bereich bei klassischen Brett- und Kartenspielen, "die Behauptung, alles würde digital, hat sich ja einfach als falsch herausgestellt", sagt Geschäftsführer Dieter Strehl.

Erklären lässt sich der anachronistische Wunsch nach dem, was echt, authentisch, von Menschen gemacht gilt, mit dem Menschen selbst, sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann. "In der digitalen Welt ist es sehr schwer, eine Identität zu gestalten. Deshalb greifen dort, wo es um den Anspruch geht, Persönlichkeit zu zeigen, analoge Praktiken wieder um sich", so Liessmann. "Wir sind dreidimensionale, sinnliche Wesen und wollen uns nicht reduzieren lassen auf eine unend-liche Kette von null und eins. Deshalb haben wir das Bedürfnis nach Information, die eine Gestalt und eine sinnlich erfahrbare Identität annimmt."

Das analoge Zentrum Wiens liegt in der Praterstraße: ein Palais im venezianischen Stil, das seit drei Jahren unter dem Namen Supersense als "Delikatessengeschäft für die Sinne" in Reiseführern und Blogs beworben wird. In den goldstuckverbrämten Räumen steht die weltgrößte Polaroidkamera, Bands wie die Fantastischen Vier haben hier eine Live-Session aufgenommen, die in ein Vinyl-Master gekratzt und als limitierte Sonderedition verkauft wird. Man schlürft Kaffee aus einer hand-gebauten Maschine aus Seattle, auf antiken Verkaufstischen reihen sich Kalligrafiesets und Flip-Book-Kits zum Selbermachen.

"Das Digitale kann man nur sehen oder hören. Aber es hat keinen Geruch, man kann nicht daran lecken, man kann es nicht einmal angreifen", sagt Supersense-Gründer Florian Kaps. Deshalb kauften Leute wieder Platten oder geben für ein nicht re-tuschierbares Sofortbild zwei Euro aus: "Weil es reale, haptische Gegenstände sind, die mich etwas erleben lassen und die bleiben."

Der Wiener Kaps war ursprünglich Spinnenbiologe und kam Anfang der 2000er Jahre als Mitarbeiter der Lomographischen Gesellschaft mit den Fans der unperfekten, alten Technologien in Kontakt. Damals schien es vielen nur ein Glaubenskrieg zwischen Fortschrittsgläubigen und Traditionalisten zu sein, den vor allem Fotografen führten. Nur wer analoge Kameras benutzen kann, der verdiene den Namen Fotograf, so ist zwar noch immer gelegentlich zu hören. Die Entweder-oder-Haltung ist aber immer mehr die von gestern. Keiner bestreitet, dass das Digitale das Analoge technisch fast überall überholt hat. Doch, so der neue Konsens: Das Analoge hat andere Qualitäten, die gerade von technischer Perfektion verhindert werden.