"Wir sind keine Analog-Sekte", sagt auch Supersense-Gründer Kaps. "Die meisten dieser Maschinen hier werden nicht nur verwendet, um analoge Technologien zu zelebrieren, sondern um digitale Inhalte in reale Gegenstände zu verwandeln." Etwa der zum Mini-Tonstudio umgebaute Jugendstil-Lift, in dem jeder etwas direkt auf eine kleine Platte schneiden lassen kann – entweder ein kurzes, direkt ins Mikro gesungenes Stück oder eine Tondatei vom Smartphone, das sich per USB-Kabel anschließen lässt.

Begonnen hat Kaps mit dem erfolgreichen Vertrieb von Polaroidfilmen im Internet. Als bekannt wurde, dass nach sechzig Jahren die Herstellung der Filme eingestellt würde, machte er sich 2008 kurzerhand an die Übernahme der letzten Polaroidfabrik in den Niederlanden und entwickelte ein neues Produktionsverfahren für die Filme. Neun Jahre später ist klar, dass Kaps den richtigen Riecher hatte. In Hollywoodfilmen wedeln die Helden derzeit ebenso mit Polaroids durch die Luft wie bei Hochzeiten in Tokio oder Hintertux.

Das alles ist auch die Geschichte einer gekonnten Vermarktung. "Impossible project" hat Florian Kaps, der mit "Doc" unterschreibt und sich gern so nennen lässt, die Polaroidrettung genannt. In seinen Erzählungen geht es oft um Abenteuer, Wahnsinnige und Enthusiasten, die wie er an etwas glauben, das so trotz digitaler Wende überlebt. Und Marketing spielt sich auch für Analoges vor allem im Internet ab. "Wenn man in einer Nische überleben möchte, muss man weltweit die Leute erreichen, die sich dafür interessieren könnten", sagt Kaps.

Zu kaufen gibt es bei Supersense neben ana-logen Erfahrungen auch die entsprechende Bibel: Die Rache des Analogen. Warum wir uns nach realen Dingen sehnen des kanadischen Autors David Sax landete in der deutschen Übersetzung heuer auch auf den hiesigen Bestsellerlisten. "Mit Analogem kann man Geld machen", so Sax über seine Reise durch die "wachsende postdigitale Waren- und Dienstleistungsgesellschaft".

Davon profitieren auch kleine, junge Unternehmen wie das von Ana Kaan und Alessandro Carissimo. Ihr wichtigstes Stück haben die Grazerin und der Italiener auf den Namen Maria Addolorata getauft: eine ratternde und gefährlich zu bedienende Druckerpresse, die vor 120 Jahren auf der technischen Höhe der Zeit war und zuletzt in einer aufgelassenen süditalienischen Druckerei verstaubte. Nun steht das gusseiserne Gerät in einer Hinterhofwerkstatt in Wien-Meidling zwischen antiken Maschinerien, es riecht nach Schmieröl, Farbe und Papier. Kaan und Carissimo haben hier vor vier Jahren ihr Druck- und Grafikstudio gegründet. In Kürze zieht Carissimo Letterpress, so der Name, in eine Druckerei in den 6. Bezirk um, deren veraltete Maschinerien für zeitgemäße Druckaufträge nicht mehr rentabel waren. Aber Online-Mengendiscount oder schnelle Großauflagen bieten Kaan und Carissimo sowieso nicht an. Nur Spezialanfertigungen aus edlen Papieren, mit antiquierten Druck-, Stanz- und Prägeverfahren und handgearbeiteten Details. Natürlich wäre es einfacher, billiger und schneller, Einladungen oder Weihnachtsgrüße per Mail zu versenden. Dennoch können sich Kaan und Carissimo nicht über fehlende Nachfrage beschweren. "Mit schönen, handwerklichen Drucksorten wird auch das Gefühl vermittelt, dass sich jemand wirklich Zeit für einen genommen und Gedanken gemacht hat", sagt Ana Kaan.

So etwas muss man nicht nur mögen, sondern sich auch leisten können. Die Sehnsucht nach dem Haptischen ist kein flüchtiger Retrotrend wie Schlaghosen oder Puffärmel, und wird doch eine Nische bleiben. Konrad Paul Liessmann erklärt das am Beispiel des Buchmarkts: "Die digitale Technik bedroht das Taschenbuch, das billige Massenprodukt, während das aufwendig gestaltete, teure Hardcover eine Renaissance erlebt. Das ist ein Statussymbol, ein Geschenk, das sich nicht jeder leisten kann oder will."

Analoger Besitz, eine elitäre Angelegenheit? Ja, sagt der Philosoph – und findet das gar nicht schlimm. "Es ist wichtig, dass Menschen, die aufgrund einer sozialen privilegierten Stellung die Möglichkeit dazu haben, sich mit Dingen umgeben, die eine menschliche Wertigkeit besitzen." Er glaubt sogar: Aus dieser Nische werden die entscheidenden kulturellen Impulse kommen, nicht aus der uniformen digitalen Welt.