Hinzu kommen Geruchsprobleme. So kann das Fleisch von nicht kastrierten Ebern beim Erhitzen eklig riechen. Etwa drei von hundert Tieren gelten als sogenannte "Stinker". Für eine kleine Metzgerei, die nur wenige Tiere pro Woche schlachtet, ist ein Stinker immer eine wirtschaftliche Katastrophe – weil sich sein Fleisch kaum verkaufen lässt. Davon profitieren Großbetriebe. Denn industrielle Verarbeiter haben andere Möglichkeiten, die Stinker zu verarbeiten. Etwa in Wurstwaren, die nicht erhitzt werden müssen. Bei den drei deutschen Großschlachtereien Tönnies, Vion Deutschland und Westfleisch arbeiten bevorzugt Frauen, die das Fett von Schlachtkörpern mit einem Brenner erhitzen und daran schnuppern, um die Stinker zu identifizieren. Maschinen sind dazu bislang nicht in der Lage.

Eberzüchter Hüppe kann sich auf seinen Abnehmer Westfleisch verlassen. Für neue Abnahmeverträge hat Westfleisch aber erst im März einen Annahmestopp verhängt. Auch die Konkurrenz ist nicht interessiert an weiterem Eberfleisch.

Eine andere in Deutschland bereits angewendete Alternative ist der Einsatz von Improvac. Der Hersteller dieses Mittels heißt Zoetis, eine selbstständige Ausgründung des Pharmagiganten Pfizer. Die Arznei ist in anderen Ländern seit Jahrzehnten bewährt und bewirkt eine Täuschung des Hormonsystems des Ebers. Die Wirkung: Nach der zweiten Impfung bilden sich die Hoden des Ebers zurück, er verhält sich jetzt wie ein Kastrat. Zoetis würde mit dem Impfstoff gerne auch in Deutschland viel Geld verdienen.

Viele Fachleute halten diese Methode für die beste, weil sie schmerzlos ist. Auch Wissenschaftler Bussemas vom Thünen-Institut sieht darin "die möglicherweise artgerechteste Lösung für die Tiere". Hormone kommen nicht zum Einsatz, das Fleisch der Tiere macht auch nicht impotent.

Es gäbe eine Lösung – von der in Deutschland aber niemand wissen will

Naturland, ein zweiter Öko-Zertifizierer, erlaubt seinen Landwirten den Einsatz von Improvac. Derart hergestelltes Fleisch landet unter anderem in den Bio-Kühlregalen der Supermarktkette Rewe. Auch Aldi Süd und Aldi Nord akzeptieren Fleisch von geimpften Tieren. Trotzdem könnte es für sie bald schwierig werden, Improvac weiter einzusetzen. Kürzlich stufte das Landwirtschaftsministerium in Brandenburg den Impfstoff für die ökologische Tierhaltung als nicht zulässig ein. Der Stoff beeinflusse das Wachstum der Tiere, erklärte die zuständige Abteilungsleiterin, und sei deswegen nach EU-Vorschriften ungeeignet.

Außerdem fürchtet die Fleischbranche die Reaktion der deutschen Kunden: "Inwieweit die Konsumenten kritisch reagieren und emotional bewegt werden, hängt zentral vom Grad der Skandalisierung in den Medien als unvorhersehbare Variable ab", steht in einer Konsumentenstudie für die Organisation QS, die Qualitätssiegel für frische Lebensmittel vergibt.

Es gäbe eine Lösung des Problems – von der in Deutschland allerdings niemand etwas wissen will. In Großbritannien werden mehr als 90 Prozent der Eber nicht kastriert, berichtet die National Pork Association (NPA). Jungsäue und Eber werden bis zur Schlachtung gemeinsam in einer Herde gehalten. Ihr Ende erleben die Tiere in der Regel bereits bei 90 Kilogramm Schlachtgewicht. Deutsche Schweine sterben, wenn sie etwa 120 Kilo wiegen.

Folge der gemeinsamen Herdenhaltung ist allerdings, das manche Jungsauen bei der Schlachtung trächtig sind. Wie viele, will eine NPA-Sprecherin nicht sagen und auch sonst nicht über das Thema sprechen. Ungeborene Schweinebabys im Schlachthof – davon sollen die Briten wohl eher nicht zu viel erfahren.

Doch wäre die gemischte Haltung gesunder weiblicher und männlicher Tiere, die vor ihrem Tod noch einen Geschlechtsakt erleben, nicht artgerecht? Zum Preis einiger Föten im Schlachthof? Ein deutscher Öko-Zertifizierer reagiert panisch: "Wenn wir so was propagieren würden, wären wir sofort tot!" Um dem Verbraucher Bilder von blutigen Föten zu ersparen, werden somit weiter Ferkel entmannt. Wegen der Tierliebe des Menschen.